Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1857326
Möbel. 
täglichen Umgebung? Das ungeheure Erbe an Kunstformen, welches uns die antiken Stilepochen, das 
Mittelalter und die Renaissance hinterlassen haben, soll nach der Meinung der Modernen für das heutige 
kunstgewerbliche Schaffen mehr ein Hindernis als eine Förderung bilden, indem dasselbe wesentlich dazu 
beitrüge, die dekorative Gesamterscheinung unharmonisch zu machen. Allerdings hat das Kunstgewerbe 
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in schneller Abwechslung sämtliche Stilarten der vergangenen 
Epochen nachgeahmt und gewissermassen verbraucht. In diesem Umstande lag aber doch die Aufforderung, 
mit allen Kräften auf die Erfindung eines selbständigen Neuen auszugehen, Welches sich von jeder Ein- 
mischung der alten Muster frei hielte. So ganz leicht und frei von jedem inneren Widerspruch konnte 
nun zwar das gesteckte Ziel nicht erreicht werden. Nehmen wir an, die neue Richtung hatte mit dem 
Veralteten hinreichend aufgeräumt und hatte die sicheren Grundlagen geschaffen, auf denen eine frische, 
unserer Zeit gemasse Kunst sich aufbauen liesse, so käme doch mindestens das Bestreben des Künstlers, 
welches immer darauf ausgehen wird, das einzelne Stück individuell zu gestalten und jede Wiederholung abzu- 
lehnen, mit der unabweisbaren Forderung einer Massenproduktion, welche allein dem Bedürfnisse grösserer 
Kreise gerecht werden kann, in einen fast unlösbaren Konflikt. Besonders dann, wenn Künstler von 
entschiedener Begabung sich dem Handwerk widmen, tritt die Gefahr ein, dass nur Kuriositaten geschaffen 
werden, welche einzig geeignet sind, die Sammlungen reicher Liebhaber zu schmücken; und wirklich ist 
das auch sehr häufig der Fall gewesen. Eine wahrhaft volkstümliche Kunst müsste aber bestrebt sein, 
dem einfachen Bedürfnisse der Menge Genüge zu leisten, und müsste deshalb notwendig die Massen- 
produktion nach einem gegebenen Modell in ihr Programm aufnehmen, allerdings möglichst ohne die 
künstlerischen Forderungen bei Seite zu setzen. Nach dieser oben angedeuteten praktischen Richtung 
hin sind aber bis jetzt in der neuen Stilrichtung nur wenige grössere Erfolge zu verzeichnen. 
Möbel. 
Wenden wir uns nun zur Betrachtung des bereits wirklich Erreichten und zunächst zu den 
englischen Möbeln, die ja auch für andere Länder vorbildlich geworden sind, so scheint der Aufbau 
derselben nach konstruktiven Bedingungen, die massige Verwendung des Schnitzwerks, die Vermeidung 
der Masken, Hennen, vielfach verkröpften Gliederungen und Akanthusranken das Verfolgen einer gesunden 
Richtung anzudeuten, obwohl eine gewisse Steifigkeit der Linienführung, die spezifisch englisch sein mag, 
nicht dem allgemeinen Geschmacke entspricht. Die englischen neueren Möbel werden meist aus massiven 
Hölzern hergestellt, oft aus ausländischen Arten, Fourniere kommen selten in Anwendung. Häufiger 
als der Schmuck durch Schnitzereien ist der durch Intarsien von Elfenbein. Die Engländer verlangen 
von ihren Möbeln" Brauchbarkeit und, wie es scheint, erst in zweiter Linie Schönheit der Form. In 
dieser Art hat sich thatsächlich ein eigenes englisches Genre herausgebildet, wenn auch die Originalität 
der Erfindung nicht immer ganz echt ist. Dieselbe erscheint oft als gesuchte Einfachheit in der Ver- 
nachlassigung des Künstlerischen, oder sie beruht bisweilen auf einer Täuschung für Unkundige, indem 
z. B. wenig bekannte Stücke des British Museum, namentlich die Reste ägyptischer Möbel, ziemlich 
getreu kopiert und als Schöpfungen im neuen einfachen englischen Stil auf den Markt gebracht werden. 
Es giebt auch Anlehnungen an vergangene Stilperioden, die keine Täuschung bezwecken und an sich 
keineswegs tadelnswert sind, aber doch das Mass der von der neuen Richtung angeblich erreichten 
Originalität erheblich herabdrücken. S0 kommen beispielsweise Nachahmungen des Queen Anna-Stils 
vom Anfang des 18. Jahrhunderts vor, der seinerseits kein spezifisch englischer Stil, sondern eine Wieder- 
holung der vlamischen Renaissance vom Ende des 17. Jahrhunderts war, dann Anlehnungen an das 
Genre Ghippendale, einer Abart des Stils Louis VI, welches gegen 1750 das englische Möbelwesen be- 
herrschte. Zu dieser letzteren Art, zu den Versuchen, im Anschlusse an ältere Vorbilder aber in frischer 
Auffassung, neue Formen für Möbel zu schaffen, gehören die bemerkenswerten Entwürfe des schon ver-
        

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