Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1857319
Moderne. 
ausgesprochenen Pfeilerbaues, die freie Wahl jeder Deckenform mit beliebiger Anlage der Lichtöffnungen 
und endlich eine bedeutende Verminderung der Mauerstärken. Die Anwendung der Eisenträgersysteme 
hat es möglich gemacht, Räume in einer Weite zu überspannen, welche durch Steingewölbe nicht zu 
erreichen war, zugleich konnten die Widerlager auf das geringste Mass eingeschränkt und hierdurch 
eine tiefgreifende Änderung im Charakter der Innenarchitektur bewirkt werden. Das Eisen wird im 
Hochbau zwar stets nur das statische Gerippe bilden, während die Füllungen aus anderem Material 
hergestellt werden, aber das Eisen bleibt doch der die Hauptform bestimmende Faktor. 
Beispiele grosser Eisenkonstruktionen im Hochbau geben die Bahnhofshallen, die Markthallen 
und die Ausstellungsriiume. Als Hilfskonstruktion wird das Eisen in Gestalt flacher Stäbe und Draht- 
geflechte, in Verbindung mit Stein und Zementmörtel, zur Bildung flacher Decken im Stockwerksbau 
gebraucht, indess tritt das Eisen in diesem Falle nur an die Stelle des Holzes undübt keinen 
verändernden Einfluss auf die Raumgestaltung. Etwas anders verhalt sich das Eisen in einer Anzahl 
künstlerisch durchgebildeter Hochbauten, in denen starke T rägersysteme wohl zur Bildung weit gespannter 
Decken benutzt werden, aber ohne selbst im Raume sichtbar zu werden; vielmehr sind die Wertritgerungen 
meist hinter scheinbaren Gewölbformen versteckt. Ein Beispiel dieser letzteren Art bietet die Decke 
des Yiuschauerraumes im neuen Königlichen Theater zu Wiesbaden, das von Fellner und Helmer 
erbaut wurde. An dieser Stelle wiire ein Steingewölbe in der gegebenen Spannung, und auf dünnen 
Eisenstützen ruhend, konstruktiv nicht möglich gewesen. Die dekorative Ausbildung der Decke mag die 
anscheinende Unwahrseheinlichkeit der Konstruktion derselben vergessen lassen, immerhin wäre es besser, 
wenn es gelungen Ware, das Eisen in seiner statischen Funktion sichtbar zu machen. Einen Versuch, das 
Eisen als Kunstform zu zeigen, bieten einige Decken im Trocadero-Palast zu Paris, von Davioud und 
Bourdais herrührend. Hier zeigt die Decke der halbkreisförmig um den grossen Konzertsaal geführten 
Halle die unverhüllten Eisenträger, welche radial von der Wand zu den Pfeilern gelegt sind. Reicher 
gestaltet sich ebendort die sichtbare Eisenkonstruktion in den beiden den Mittelbau begrenzenden Haupt- 
eingangshallen: die grossen, über je vier Eisensäulenpaaren sich kreuzenden Kastenträger tragen die 
ornamentierten Kassettendecken und sind ihrerseits ohne Ummantelung nur durch seitliche, regelmässig 
gesetzte Nietstreifen und eine füllungsartige Verzierung des Unterblechs belebt. 
Das Haus Tasse], Rue de Turin in Brüssel, von Victor Horta, ein von beiden Langseiten 
eingebautes Dreifensterhaus (Art et Decoration), giebt ein Beispiel der Verwendung sichtbarer Eisenteile 
an der Sandsteinfassade. Im Zwischen- und im Hauptgeschoss springt ein breiter, liachauslatlender Erker 
vor, der im zweiten Stock mit einem Altan abschliesst. Der Erker wird im Entresol durch steinerne 
Rundpfeiler geteilt, im Hauptgeschoss durch schmale eiserne Stützen. Auch die breiten laubenartigen 
(Üffnungen im zweiten Stock über dem Erker sind durch Eisensaulen geteilt und mit einem aussen sichtbar 
bleibenden Eisenträger überdeckt. Es wäre allerdings in diesem Falle noch die Frage, ob in der Ver- 
wendung des Eisens ein Fortschritt zu erblicken ist, da dasselbe keine andere statische Funktion erfüllt, 
alsidie allenfalls auch von Steinmaterial ausgeübt werden könnte. Die Einzelformen der Fassade sind 
immerhin frei erfunden mit einiger Anlehnung an die Gotik oder die Antike. Das Innere des Hauses zeigt 
denselben gemischten stilistischen Charakter wie die Fassade, in einer Anlehnung an herkömmliche Formen 
in moderner Auffassung. Zugleich ist das gesamte Mobiliar, die Beleuchtungsgegenstande und Teppiche 
von Horta entworfen. 
Das Kunstgewerbe, soweit sich dasselbe mit der Ausstattung der Wohnräume beschäftigt, 
bildet das Hauptfeld für die Bethätigung der modernen Stilrichtung, und giebt zugleich Gelegenheit, die 
Menge für den Ausdruck frischer Ideen zu gewinnen. Was könnte es auch Wichtigeres geben, als eine 
rein aus dem Bedürfnisse heraus, ohne Zuthat der auf einer lästig und unverständlich gewordenen Sym- 
bolik beruhenden Formenwelt der alten Stilepochen, neu geschaffene Ausstattung unseres Heims, unserer
        

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