Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1855491
Allgemeinmos. 
gegeben war, für die Bibliotheken, die Räume für Volksvertretungen und vieles andere. Für diese Gebäude- 
gattungen blieb die antikisierende Richtung fast allein die Herrscherin, schon deshalb, weil sie in der 
Lage war die Vorarbeit der Renaissanceepoche benutzen zu können. Anders war es auf dem Gebiete 
des Kirchenbaues, diesem fehlten die mittelalterlichen Vorbilder nicht. Als man sich aus der Zeit des 
gänzlichen Darniederliegens des kirchlichen Sinns herausgearbeitet hatte, aus einer Zeit, die besonders 
dem protestantischen Kirchenbau ihren Stempel aufgedrückt hat, indem schmucklose Predigtsiile ähnlich 
wie Scheunen hergestellt wurden, als man sich ferner aus der Gefiihlsschivarmerei der ersten Romantik 
zu einer wahren Kenntnis der mittelalterlichen Formenwelt und Konstruktionsweise durchgerungen hatte, 
namentlich bei Gelegenheit der Wiederherstellungsarbeiten an den grossen mittelalterlichen Domen, so 
fiel der Gotik und dem Romanismus fast der ganze Kirchenbau zu. iVIan wollte in diesen Stilarten den 
vorzugsweisen Ausdruck des christlichen Geistes in nordischer Fassung finden. Dagegen musste sich der 
am Ende der Zopfzeit ganz kleinlich und armlich gewordene Wohnhausbau wieder mit Notwendigkeit 
an die Muster der Renaissance anschliessen, die allein einen wirklich modernen Komfort zu bieten im 
stande waren. Der Plastik des 19. Jahrhunderts wurde es nicht leicht ihren eigenen Weg zu finden, 
nachdem sie das falsche Pathos und die handelnden Allegorien der nachberninischen Schule ein für allemal 
abgelehnt hatte. Die Hauptaufgaben fand die neueste Plastik in den Porträtstatuen der Fürsten und 
hervorragenden Männer der Poesie, der Wissenschaften, des Kriegs- und Staatsdienstes, während die 
Kirchenplastik und die Ideenbildnerei in den Hintergrund trat. Nun stand zwar zur Lösung der Porträt- 
aufgaben ein riickhaltsloser Naturalismus, das Erbteil der Rokokoperiode, zur Verfügung; aber man war 
 zugleich stilistisch auf die Anlehnung an die griechischen Göttertypen hingewiesen und verüel deshalb in 
ein übertriebenes Idealisieren, womit man zivar gelegentlich eine hohe Schönheit der Form erreichte, 
aber das Charakteristische ganz aus den Augen verlor. Zugleich ergab sich, dass man die Allegorie 
neben der Portratsplastilz nicht entbehren konnte, da es erst mit Hiilfe dieser gelang das Wesen einer 
grossen historischen Persönlichkeit erschöpfend zum Ausdruck zu bringen. Die Allegorie ging aber nun 
einen andern Weg als den die Berninische Schule vorgezeichnet hatte: diese begnügte sich in den 
Grabmalern das Abscheiden des Verstorbenen durch die Gestalt des unerbittlichen Todes und der trauernden 
Genien dramatisch zu symbolisieren oder die Tugenden als Sklaven an den Sockel der Hauptiigur zu fesseln, 
während die neuere Richtung oft den gelungenen Versuch machte, die verschiedenen Seiten des Strebens 
ihres Helden mit möglichster Verständlichkeit zu personiiizieren. Auf diesem Wege der reinen Gedanken- 
bildnerei sind denn auch bedeutende Fortschritte zu verzeichnen. Verhaltnismassig am reinsten und 
folgerichtigsten konnte sich die Malerei entwickeln. Nachdem der falsche Bezug zur antiken Plastik und 
der Mangel an koloristischem Können überwunden und die übermässig hautig aus der Litteratur geschöpften 
Stoffe beseitigt waren, hatte sich ein reiches Feld für die echte Historienmalerei, für das im modernen 
Volksleben wurzelnde Sittenbild, sowie für die einerseits die plastische Reliefgestaltung des Bodens, 
andererseits die Stimmung wiedergebende Landschaft ergeben. Die religiöse Malerei bildet den schwachen 
Punkt; sie experimentiert und hat den echt monumentalen Stil nur in wenigen Beispielen wiedergefunden. 
Auf dem Gebiete der Dekoration wurde verhältnismassig am wenigsten Neues geschaffen. Eine 
gewisse Puriüzierung des Formenkreises, im Sinne der verständigen Nüchternheit, hatte schon der Zopfstil 
vorgenommen: der Bratzenstil war verbannt, ebenso die Kartusche mit ihren figürlichen Zuthaten; aber 
es fehlte noch viel, dass man zur angestrebten Reinheit des griechischen Ornaments zuriickkam, besonders 
da die Vorbilder der Innendekoration aus griechischer Zeit durchaus fehlten. Die alexantlrinisch-römischen 
Motive aus Herkulanum und Pompeji hatte bereits die raifaelische Renaissance nach den ganz ähnlichen 
römischen Beispielen aus den Titusbadern ausgenutzt. Man sah sich nac11 Neuem um und geriet auf 
die durch Stiche bekannt gewordenen V asenmalereien, deren Nachahmung allerdings eine dürftige Ein- 
fachheit zur Folge hatte, die sich mit den reichen Ornament-Eriindungen der Renaissance keineswegs
        

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