Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1857191
diesem Spezialgebiete an die antik-römischen Muster gebunden und bevorzugt die Akanthusrarike an den 
Bauwerken selbst, aber in der Kleinkunst derselben Epoche zeigt sich ein lebensvoller Naturalismus, 
da fast jeder Meister sein eigenes, individuell gebildetes Blattwerk gebraucht. Endlich machen Rokoko 
und Stil Louis XVI. einen verschwenderischen Gebrauch von heimischen Blatt- und Blütenformen ohne 
die aus der Antike entlehnten Typen auszuschliessen. 
Den Gang" der modernen Architekturbewegung anbetreffend, so kann man zugeben, dass es mit 
dem archäologisch genauen Wiedermachen der alten Stile zusannnenhing, wenn die Architekten mehr als 
gut war die Herrschaft über die mit dem Bauwerk zusammenhängenden dekorativen Formen verloren. 
Die Mitarbeiter, Stuccateure, Ornamentbildhauer" in Stein und Holz, Tischler, Schmiede u. a. nahmen 
nun ihren eigenen Weg, nicht zum Schaden des Kunsthandwerks, welches veranlasst wurde, sich auf 
seine Bedeutung zu besinnen, aber doch zum Nachteil der harmonischen Gesammtwirkung des Bauwerks. 
Zwar mögen die Zeiten vorbei sein, in denen der Architekt imstande war, einen grossen Bau soweit in 
den Händen zu behalten, dass er alle Einzelheiten bis zu Schlüssel und Schlüsselblech herab nach seinen 
Entwürfen fertigen lassen konnte, wie das beispielsweise von Joh. Balthasar Neu mann, dem grossen 
Würzburger Barockmeister, berichtet wird; aber die neue Richtung fordert doch von dem Architekten 
wieder eine intimere Beschäftigung mit seinem Werke und einen gründlich ausgeübten Einliuss auf seine 
Nlitarbeiter, obgleich deswegen doch kein Grund vorhanden ist, die moderne Teilung der Arbeit und 
den hieraus hervorgehenden Reichtum an Motiven zu beklagen, wenn nur die übereinstimmende Haltung 
gewahrt bleibt. 
Aus der geforderten Vermeidung der sonst üblichen Stilschablone folgt weiter, dass das aus dem 
Bauernhause hervorgewachsene Landhaus und das städtische Einzelfamilienhaus am geeignetsten sind, 
der neuen Richtung Spielraum zu geben, wahrend die öffentlichen Gebäude, überhaupt die Monumental- 
bauten höherer Ordnung, des hergebrachten stilistischen Apparates am wenigsten entbehren können. Das 
Bauernhaus hat sich in allen Epochen so ziemlich unverändert in seinen Grundzügen erhalten, und ist 
von den wechselnden stilistischen Einflüssen bis zu einem gewissen Grade frei geblieben. Seine Schönheit 
ist wesentlich malerisch und durch die Gruppierung der Massen bedingt; ausserdem hat dasselbe einen 
entschiedenen Bezug zur umgebenden Natur und erhält erst durch Wiese, Baume und womöglich Wasser seine 
Vollendung. Die Diele, der Hauptraum des Hauses, besitzt eine unverwüstliche Poesie und giebt Gelegenheit 
zu malerischer Ausstattung durch die Verbindung mit einer oberen Galerie, zu welcher eine freiliegende 
Treppe emporführt, durch das grosse Fenster u. A., welches nur in der Diele seinen Platz finden kann. 
Wenden wir uns zu den in England letzthin zur Ausführung gekommenen Bauten, so finden wir 
die neue Richtung fast nur durch das Landhaus vertreten, und zwar soweit sich dasselbe an das alte 
Bauernhaus anlehnt. Zwei Cottages in Harpenden von Ernest George und Peto, mitgeteilt in der 
Zeitschrift „The Studio", zeigen in diesem Sinne den gemischten Stein- und Holzbau und verzichten 
auf jede Fassadenornamentik von historisch-stilistischem Charakter (Abb. 54 und 55). An einem Hause 
in Ascot verwenden dieselben Architekten allerdings bescheidene Formen der Frührenaissance in malerischer 
Gruppierung, mit Steinpfostenteilung in den gekuppelten Fenstern, also ähnlich wie dies an deutschen 
gleichzeitigen Landhausern vorkommt. Ein Haus mit Atelier bei Guilford bildet ein längliches Viereck 
mit Ausbauten und Faohwerksobergeschoss, wieder wie die erstgenannte Cottage ohne die Anwendung 
stilistischer Einzelgliederungen. Die Cottages zu Leith von George und Peto sind ebenfalls einzig durch 
erkerartige Ausbauten und Giebel ausgezeichnet; die Erker beginnen nach englischer Gewohnheit vom 
Boden an, und das Obgeschoss aus Fachwerk ist teilweise beschiefert (Abb. 56). Auch eine Lesehalle in 
Leith ist im Obergeschoss mit Beschieferung versehen, ähnlich den deutschen Fachwerksbauten der 
Frührenaissance im Bergischen. Ein Haus für Genesende in Leith ist "dem Zwecke entsprechend mit 
einer einfachen Holzlaube ausgestattet.
        

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