Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1855489
Allgemeines. 
Für das ganze Gebiet der Dekoration war die neue Kunstbewegung, welche das 19. Jahrhundert 
einleitete, unfruchtbar, einmal wegen der in Umlauf gesetzten kunstphilosophischen Meinungen, die eine 
verstandesmässige Nüchternheit bevorworteten, dann wegen der Armut an Motiven, hervorgerufen durch 
den mit aller Schärfe betonten Gegensatz gegen das Schnörkelwesen der späteren Renaissanceperioden. 
Die Versuche altgriechische, altetruskische, sogar ägyptische Elemente in das Dekorationswesen einzu- 
führen, iielen unglaublich ungeschickt aus; es schien als ob die Künstler das Gefühl für den Massstab 
ganz verloren hätten. Kolossal gebildete Mäanderschemata und Akanthusranken waren ein dürftiger 
Ersatz für die frühere Feinheit des Ornaments. Die Farbe war fast ganz aus der Dekoration verschwunden, 
ein kaltes Weiss, allenfalls mit groben Vergoldungen trat öde prunkend an die Stelle satter und har- 
monischer Töne. Das feinere Kunstgewerbe konnte nichts mehr zum Schmucke der Bauwerke beitragen, 
ebenso fristeten die meisten Zweige der dekorativen Kunst nur ein küminerliches Leben oder gingen ganz 
zu Grunde. Die monumentale Technik kam in Vergessenheit, wie auch die der Freskomalerei. Es berührt 
ganz eigentümlich, wenn man erfährt wie Schöpf und andere Tyroler noch aus dem Barock hervor- 
gegangene Meister Fresken in vollendeter Technik zu einer Zeit malten, als die neue Schule der Brüder von 
S. Isidoro in Rom unbeholfene Versuche machten, die F reskomalerei neu zu entdecken; aber die neue 
Kunst wollte von der alten nichts lernen, sie verachtete dieselbe als zopfig. 
Indes darf man bei einer Schilderung der Kunstbewegung des 19. Jahrhunderts nicht vergessen 
zu bemerken, dass wirklich eine folgenschwere Entwicklung stattfindet, wie dies schon oben angedeutet 
wurde. Namentlich muss von der Aufnahme des Griechentums dasselbe gelten, was früher bei der Über- 
tragung der Renaissance in die westeuropäischen Länder zur Erscheinung kam: im Anfang überwiegt 
zwar die schülerhafte Nachahmung, aber allmählich tritt eine Verarbeitung und Assimilierung des Fremden 
ein, auf welche dann die Meisterleistungen im Sinne einer eignen, nationalen Umformung folgen. Die 
erste Nachbildung des wiederentdeckten Griechentums trug wirklich einen archaistischen Charakter, 
zugleich aber war das Verhältnis insofern ein anderes als bei der ehemaligen Herübernahme der Renais- 
sance nach Westeuropa, indem man jetzt nicht der gleichzeitigen lebendigen Entwicklung eines Nachbar- 
landes, sondern den durch gelehrte Forschung herangebrachten stilistischen Idealen einer ganz entfernten, 
toten, in ihrer nationalen Beschränkheit zwar vollkommenen, aber zum Ausdrucke moderner Ideen so 
ziemlich ganz ungeeigneten Kunstperiode zustrebte. 
Man soll jedoch die Künstler des 19. Jahrhunderts nicht schelten, sie geben den älteren im Ernst 
des Strebens und an sittlicher Kraft nichts nach. Die neueren Künstler fanden, sowenig wie die irgend 
einer anderen Epoche, das Ideal ihrer Zeit nicht fertig vor, sie mussten danach suchen; und der Reichtum 
der Überlieferung den ihnen die Denkmälerkunde der Vorzeit zutrug, war eine Schwierigkeit mehr, da 
sie, wenn sie es ernsthaft meinten, „Jahrhunderte durchkreisen mussten", um sich aus den Schranken 
eines einseitigen Eklektizismus zu einer eignen Auffassung durchzuarbeiten, und sich endlich, wenn es 
glückte, zum Ausdrucke nationalen Geistes aufzuschwingen. Überdem durften die Neueren kaum mehr 
hoffen, für eine ganze Nation zu arbeiten, sondern in vielen Fällen nur für eine Partei; zugleich wird 
an dieselben eine früher unerhörte Forderung gestellt, indem man von jedem einzeln verlangt, dass er 
den unendlichen Weg von der eignen Naturauffassung bis zur Stilisierung und dem endlich auf der 
Höhe desselben zu gewinnenden Ideal für sich durchmessen soll. Man hat öfter theoretisierend den 
vordringlichen Individualismus als das Grundübel unserer Zeit getadelt, sollte aber dieser Tadel berechtigt 
Sein, was noch zu beweisen wäre, so trifft- derselbe weniger die Künstler, als das eine unbedingte Originalität 
fordernde Publikum. 
Jedenfalls fand die Kunstentwicklung des 19. Jahrhunderts noch die Bahn zu vielen Leistungen 
offen: in der Architektur musste für eine grosse Anzahl von Gebäudeklassen der Profanarchitektur die 
Ausbildung der Typen erst gefunden werden; so für das Theatergebäude, welches nur in den Anfängen
        

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