Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1857184
Aussenarchitektur. 
konstruktive Methoden bedingten Raumschöpfungen. Die Dekoration ist ein wichtiger, mithelfender 
Faktor, aber das Bestimmende ist sie nicht. Das eigentliche Element der Architektur, die Raumbildung 
mittels Wand und Decke, dann die auf perspektivisah-künstlerische Wirkung berechnete Aufeinander- 
folge der Räume sind kein Abbild einzelner Naturerscheinungen, sondern freie Erfindungen des Menschen- 
geistes, die sich nach kosmischen Gesetzen regeln. Eine besondere Eigenschaft der Baukunst, welche so 
recht das innere Wesen derselben triift, ist die innige Verbindung zwischen künstlerischer Phantasie 
und den technischen Bedingungen. Stets ist der Übergang zu einer neuen Stilform mit der Lösung 
eines konstruktiven Problems, namentlich mit der Deckenbildung, verknüpft; man könnte die Geschichte 
der Architektur nicht von einer Erörterung über die fortschreitende Ausbildung der Deckenkonstruktionen 
trennen. Die Anwendung der Balkendecke in Stein und Holz, dann der steinernen Gewölbedecke, end- 
lich der ganz oder teilweise in Eisen hergestellten flachen oder gebogenen Decke bezeichnet ebensoviele 
Abschnitte in der stilistischen Entwickelung. 
Die in Jahrhunderten erfolgte Ausbildung gewisser Raumtypen, die übrigens keineswegs so zahl- 
reich sind, als man vielleicht vermuten könnte, sondern sich in wenige Hauptklassen einordnen lassen, 
eben weil die sonst grenzenlos schweifende Phantasie durch die konstruktiven Bedingungen in enge 
Schranken gebannt wird, begründet zugleich die niemals abzuschüttelnde Macht der Überlieferung. Wie 
wohl allgemein zugestanden werden wird, sind in den vergangenen Kunstepochen grossartige Bauwerke 
entstanden, die noch heute nicht wieder erreicht sind und überhaupt kaum zu übertreffen sein werden, 
da sie sich bis an die Grenze der dem Mensohengeiste möglichen Leistungsfähigkeit hinbewegen. Die 
Architektur kann sich dieses Schatzes nicht entäussein wollen, selbst wenn dies möglich wäre. Es ist 
nun gar nicht abgesehen, welche wesentlichen Fortschritte die moderne Richtung, soweit sie sich auf 
ornamentalem Gebiete bewegt, in der Gestaltung des architektonischen. Gerüsts hervorbringen sollte. 
Sicher werden sich diese Einwirkungen in engere Grenzen einschliessen, als die unbedingten Vor- 
kämpfer der „Moderne" zugestehen möchten. Deswegen soll die Wichtigkeit der architektonischen 
Dekoration, in diesem Falle der durch dieselbe bedingten Fassadensysteme, keinesfalls unterschätzt 
werden, denn sie ist kein äusserlich Anhängendes, keine beliebige Luxuszuthat, vielmehr geht dieselbe 
aus den inneren Bildungsgesetzen der Einzelteile und Gliederungen hervor und bestimmt die harmo- 
nische Haltung des Ganzen. Indess stehen figurliche Plastik und Malerei als. die inhaltsvollen und 
eigentlich sprechenden Bestandteile der Dekoration im grossen Sinne voraus, und die Ornanientik bildet 
nur den kleineren Teil. 
Als hervorragendes Beispiel für das Zurücktreten des Ornaments gegen die konstruktiven 
Gliederungen und zugleich als Beweis der Ableitung desselben von alten Stilvorbildern müssen die 
griechischen Monumente gelten. So selbständig und frei sich ihr baulicher Organismus entwickelt, so 
abhängig bleibt ihre ornamentale Ausstattung mit Lotos- und Palmettenmustern, flachen Sternblumen 
u. a. von den altorientalischen Vorbildern. Selbst ein bei den Griechen neu hervortretendes, gefiedertes 
und in Gruppen geteiltes Blatt, offenbar heimischen Pflanzen, in den meisten Fällen dem Akanthus 
nachgebildet, ist vermutlich aus der Palmette hervorgegangen. Die naturalistischen Bestandteile der 
Pdanzenornamentik, welche die mykenisch-achäische Epoche in den Kreis ihrer Bildungen aufgenommen 
hatte, verschwinden in der klassischen Zeit oder setzen sich höchstens bescheidener Weise in der 
Vasenmalerei fort. Die Römer erschöpften sich später in stark naturalistischen Pflanzenbildungen, ver- 
liessen jedoch in der Nlonumentalarchitektur selten den griechischen eng umzogenen Kreis. Die alt- 
christliche, die byzantinische und romanische Kunstperiode geben nur konventionelle Wiederholungen 
des antiken Blattwerks; erst in der arabischen und noch mehr in der gotischen Epoche kommen neue 
naturalistische und zugleich der heimischen Flora entnommene Formen mit Macht zur Geltung, freilich 
um später wieder einer trockenen Stilisierung zu verfallen. Die Renaissance erscheint zunächst auf
        

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