Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1857179
Moderne. 
Unfähigkeit dienten, welche nicht imstande war, in vollen Farbenaccorden zu schaffen.  Zweifellos tragen 
die in früheren Stilepochen entstandenen Meisterwerke der Baukunst jedesmal den Stempel ihrer Zeit und des 
eründenden Künstlers, aber sie stehen deswegen keineswegs losgelöst von dem Vorhergehenden, obgleich die 
sogenannten Schöpfungsbauten niemals Kopien des Alten sind. Auch die modernen Bauwerke, sie mögen 
der einen oder der anderen historischen Stilrichtung folgen, oder den Versuch machen, selbständig auf- 
zutreten, bleiben durch ein geistiges Band mit Vor- und Nachwelt verknüpft. Wäre dem nicht so, so 
wäre die Forderung der Monumentalität, der möglichst langen Dauer, die wir doch an die besten Bau- 
werke zu stellen gewohnt sind, ganz überflüssig und nutzlos; denn wir sowohl als unsere Nachkommen 
würden dann stets das Gefühl haben, dass wir uns unter unbequem und unverständlich gewordenem 
Resten der Vergangenheit zu bewegen genötigt wären; und jede Generation müsste wünschen, das von 
alters her Bestehende sobald als möglich zu beseitigen und durch andere zeitgemässe Schöpfungen zu 
ersetzen. Auch die Anpassung an die Umgebung, welche heute so oft und mit Recht für den Stil eines 
neuzuerrichtenden Gebäudes massgebend wird, böte dann eigentlich nur den Vorzug, nach der Wirkung 
einer gelungenen Theaterdekoration zu streben. Namentlich trifft aber das Letztere keineswegs zu, denn man 
hat ein Recht, von der künstlerischen harmonischen Vollendung nicht nur des einzelnen Gebäudes, sondern 
eines Strassen- und Städtebildes zu sprechen. Nun könnte man allerdings zur Einschränkung des oben 
Gesagten bemerken, dass die auf Erhaltung und Vollendung der alten Kunstwerke gerichteten Bestre- 
bungen wesentlich unserer, vielleicht den Sinn für das Historische übertreibenden und deshalb oft 
unkräftig und greisenhaft gescholtenen Zeit zingehören, während alle jugendfrisch einsetzenden, neuen 
Stilepochen stets rücksichtslos in der Beseitigung oder Umformung des Alten vorgegangen sind. 
Jedenfalls wäre es ein Unrecht gegen die Modernen, wenn man ihnen nicht das Recht auf 
eigene Gestaltung der Kunstformen zugestehen wollte; thatsächlich wäre dies auch unmöglich, denn, 
die wenigen Bauten abgerechnet, welche wirklich als Fortsetzungen oder als Kopien älterer Werke auf- 
treten, hat doch jedes in der Neuzeit entstehende Kunstgebilde ungewollt und unbewusst eine charakte- 
ristische Besonderheit. Es könnte aber wohl sein, dass eine solche halbe Konzession an den Zeitgeschmack 
gar nicht im Sinne der entschiedenen Anhänger des Neuen wäre, und dass diese radikal Gesinnten 
es vorzögen, den ruhigen, gewissermitssen selbstverständlichen Fortschritt auf Grund der historischen 
Entwicklung ganz zu verschmähcn und den unvermittelten Sprung in ein nebelhaft vorschwebendes Zu- 
kunftsideal zu wagen. Ob nun der grösste Vorteil, den das Einschlagen dieser neuen Richtung bringen 
sollte, nämlich den einer geschlossenen Stileinheit für unsere Zeit, wirklich erreicht werden kann, ist 
aus theoretischen Erwägungen weder zu bejahen noch zu verneinen; eine Entscheidung der Frage im 
ersteren Sinne könnte einzig nur durch das thätige Eingreifen grosser T alente bewirkt werden. Und weshalb 
sollte dieser günstigste Fall nicht eintreten? Der oft beklagte Mangel der Stileinheit bildet ohnehin 
keinen allzuschwer wiegenden Einwurf gegen die im 19. Jahrhundert wirkenden und bisher in Geltung 
gebliebenen älteren Richtungen, da sie in der Hauptsache eine unvermeidliche Folge unserer ausge- 
breiteten, durch die Kunstgeschichte und eine Flut von vorzüglichen Abbildungen unterstützten 
Kenntnis der alten Monumente ist. Überhaupt muss es gesagt werden: unsere Zeit ist in keiner Be- 
ziehung schlechter als irgend eine frühere; das geistige Leben pulsiert heute ebenso kräftig als irgend 
jemals; und es ist nur bemerkenswert, dass diese auf allen Seiten des wissenschaftlichen und praktischen 
Lebens völlig zugestandene Thatsache allein für das Gebiet der Kunst noch besonders gegen Zweifel 
geschützt werden muss. 
Der wahre Fortschritt in der Architektur, bewirkt durch die Freiheit des Schaffens gegenüber 
der archäologisch genauen, puristischen Wiedergabe einer vielleicht aus sehr äusserlichen Gründen 
gewählten Stilnuance, liegt allerdings nicht, wie schon gesagt wurde, auf der Seite der Dekoration, sondern 
in den üüssigeren, neuen Bedürfnissen in möglichst vollkommener Weise entsprechenden und durch neue
        

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