Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1855475
Allgemeines. 
dekorativen menschlichen und naturalistischen Tierfiguren; an Stelle derselben treten die alten 'l'ier- 
symbole oder Gebilde, denen man eine Bedeutung beilegte, wie die Lyra und anderes. 
Frankreich bleibt allerdings noch durch den grössten Teil des 19. Jahrhunderts das für ganz 
Europa in Sachen der Kunst und des Geschmacks tonangebende Land. Der Neuklassizisinus, in dem 
Sinne einer Absage gegen die Verschnörkelungen des Rokoko und die spielende Modenachahmung ,.Zi la 
greque" der in Herkulanum und Pompeji entdeckten antiken Dekorationsmotive, kam im letzten Viertel 
des 18. Jahrhunderts zur Geltung und wurde durch den Geist der Revolution noch verschärft. Die fran- 
zösische Neuklassik wurde eingeleitet durch den Essai sur PArchitecture des Jesuitenpaters Marc- 
Antoine Laugier (1752 Paris). Laugie r kennt die von Jaques Spon (1647-1685) in seiner Reise- 
beschreibung über Korinth und Athen gegebenen Nachrichten und ist durch Louis Geraud de Corde- 
m oys's „Nouveau traite de Parchitecture" angeregt. Schon Cordemoy hatte die Wahrheit und die 
Übereinstimmung mit der Natur für die Kunst als notwendig bezeichnet, und diese Forderung sogar 
kritisch gegen die Antike gewendet, aber Laugier geht noch weiter, er betrachtet die Hütte als das Muster 
der Baukunst, und will aus dieser alle notwendigen (iliederungen entwickeln; aller unnötige Schmuck 
soll verbannt werden. Er will die Säulen nur freistehend angewendet wissen, nicht auf Postainenten, 
mit einer Verjüngung und Schwellung weil die Bäume eine solche haben. Die Säulen sollen nicht durch 
Arkaden, sondern durch Gebälke verbunden werden, Pilaster sollen nicht vorkommen, auch sollen die 
Giebel stets die Stirnseite eines Daches bilden und gradlinig in den Schenkeln sein. Die bekrönenden 
Glieder des Gebälks dürfen nur einmal als Abschluss des Gebäudes vorkommen, niemals als Trennungen 
der Geschosse. Säulen dürfen nur durch ein Geschoss gehen. Schliesslich preisst Laugier die Schön- 
heit der griechischen Formen vor den römischen, allerdings ohne die ersteren wirklich zu kennen; denn 
erst 10 Jahre später erschienen Stuarts und Revetts Aufnahmen der Bauwerke Athens und 12 Jahre 
später d'Orvilles Zeichnungen der sicilianischen Tempel. Paestum war eben erst entdeckt, aber nur 
durch Berichte von Reisenden bekannt. Ein anderer Vorläufer der Neuklassik, Anne Claude Philipp 
Graf de Caylus (1692-1765), hatte Griechenland und die Levante aus eigener Anschauung kennen 
gelernt; er giebt in seinen Recueil (Tantiquites (1752- 1767) zum ersten Male eine genauere Geschichte 
der griechischen Plastik. Die romantischen Einiiüsse kamen vereinzelt aus England nach Frankreich. 
Für Deutschland war Winckelmann der YViederhersteller des Geschmacks an der Antike geworden; 
die von ihm ausgehende, seelische Vertiefung in der Auffassung der Kunst, trat wirksam der rohen, 
ideallosen Veräusserlichung der bereits ganz willkürlich gewordenen Richtungen am Ende des 18. Jahr- 
hunderts entgegen, allerdings zunächst ohne der Kunstübung eine grosse Förderung zu bringen. Winckel- 
mann hatte ausschliesslich das griechische Ideal der Plastik in sich aufgenommen und begegnete der 
Idealbildnerei Michelangelos und der ganzen folgenden von diesem abhängigen Schule mit entschiedener 
Abneigung. Indes konnten die neueren Bildhauer den Ausdruck des modernen Lebens und besonders 
des christlichen Geistes nicht mit den griechischen Mitteln bewirken und verfielen in einen kalten F or- 
malismus und in inhaltsleere Schönheit; sie werden zu blassen Skizzisten und Nebulisten. Für die Malerei, 
die sich erst im Verlaufe der Renaissancezeit zur ersten aller modernen Kunstgattungen aufgeschwungen 
hatte, war der Winckelmannsche Einfluss mit seiner Verweisung auf die antike Plastik geradezu ver- 
hängnisvoll; die Gemälde werden zu kolorierten Studien nach griechischen Statuen und Reliefs. Der Bau- 
kunst schadete Winckelmann durch seinen Ausspruch wonach die plastischen und malerischen Zuthaten 
als unwesentlich gelten sollten. Die Bauten werden öde; indem man die Willkür vermeiden wollte, tötete 
man die freie Erfindung. Durch den strengen Anschluss an den griechischen Architravstil verlernte man 
die hochbedeutsame Technik des Wölbens und die damit im engen Zusammenhange stehende Anordnung 
der Wandgliederung. Im ganzen ist für die Wiederbelebung der deutschen Kunst die Wirksamkeit 
Lessings, namentlich durch seinen Laokoon, ebenso hoch anzuschlagen wie die Winckelmanns.
        

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