Volltext: Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts

Vorh errschen 
Nationalitätsidee 
angelos, welche die Lösung des künstlerischen Problems im Kontraste der Glieder, entsprechend dem 
Ausdrucke einer gewollten Idee, vor allem beschäftigt hatte. 
Johannes Schilling in Dresden (geb. 1828) ist einer der ältesten Vertreter einer wirklichen 
Deutschrenaissance auf dem Gebiete der Skulptur. An der Akademie in Dresden war der Nazarener 
Peschel sein Lehrer gewesen, später Rietschel (1845). Sein erstes Werk war ein Weinkühler mit 
neckischen Genien verziert, einem Amor, Welchem Psyche die Leier stimmt. Im Jahre 1850 ging 
Schilling nach Berlin zu Drake, und wurde, 1853 nach Dresden zurückgekehrt, der Gehülfe Hähnels 
an den Arbeiten für den Museumsbau daselbst. Der Aufenthalt in Rom (1854) brachte ihn in den 
Corneliusschen Kreis. Medaillons mit tanzenden Oentauren voll bezaubernder Frische und mutwilligen 
Übermut waren die Frucht der römischen Zeit. Seit 1856 ist Schilling in Dresden ansässig und dort 
mit verschiedenen Arbeiten beschäftigt; er lieferte: die Friese im Vestibul des Museums mit der Darstellung 
der deutschen und niederländischen Kunst; die Personifikation der dramatischen Kunst für ein Giebelfeld 
der Villa Davison; zwei Gruppen, die Vokal- und Instrumentalmusik, für das Palais des Prinzen 
Georg (1858); ein Marmorrelief für ein Grabmal; das Modell zu einem Pokal; die Büste Jahns für sein 
Grabmal in Freiburg a. d. Unstrut (1859) und die Statue Demianis für Görlitz in Bronze (1860). 
Berühmt wurde Schilling durch seine Gruppen auf der Treppe zur Brühlschen Terrasse in Dresden, 
die vier Tageszeiten darstellend. Die Nacht (1863), eine mächtige trauernde Frauengestalt, hüllt einen 
schlummernden Knaben in ihren Mantel, während an der andern Seite der Traum mit Schmetterlings- 
flügeln ihr schalkhaft zuflüstert; hier ist keine abgeblasste Allegorie mehr, alles ist tief empfunden und 
spricht verständlich zum Gemüt. Der Abend, als fröhlicher Zecher gebildet, ist von zwei musizierenden 
Mädchengestalten begleitet. Der Morgen, die vollendeste der Gruppen (1867), wird durch eine stehende, 
bezaubernd aufgeblühte Jungfrau personifiziert, die eben ihr Gesicht entschleiert, neben ihr stehen wieder 
zwei jugendliche Mädchengestalten. Wie ein deutscher Maimorgen erscheint die ältere mit den beiden 
jüngeren Schwestern, ganz ohne jede Anlehnung an die Antike. Die Gruppe, welche den Tag bezeichnet (1868), 
zeigt einen stehenden kräftigen Mann mit dem Füllhorn und dem Lorbeerreis, zu beiden Seiten Knaben, 
einer nach dem Lorbeer greifend, der andere mit dem Grabscheit, um die Gaben des Füllhorns zu verdienen. 
Ausser diesen wahrhaft bedeutenden Beispielen der Ideenbildnerei schuf Schilling in der Zwischenzeit 
und den folgenden Jahren: die Figur der Stadt Speyer für Rietschels Lutherdenkmal; verschiedene 
Büsten, unter diesen die Büste Ernst Heinrich Webers für die Aula der Universität zu Leipzig; das Schiller- 
denkmal für Wien; das Denkmal des Erzherzogs Max für Triest; das Kriegerdenkmal in Hamburg. Das 
Maxdenkmal ist wieder vorzüglich gelungen, namentlich in den Reliefs und den allegorischen Halbtiguren 
des Sockels. Eines der bedeutendsten Werke Schillings ist das Niederwalddenkmal (1872-1883); hier 
ist die bekrönende Germania durchaus deutsch empfunden. An den Ecken des Denkmals zeigen sich 
die machtvollen Figuren von Krieg und Frieden; der Fries, dasselbe auf drei Seiten umziehend, giebt 
die Darstellung der Wacht am Rhein und den Auszug des Heeres. Über dem Friese lagert die Kolossal- 
figur des Vater Rheins, der sein Wächterhorn an die Jungfrau Mosel abgiebt. Aus den späteren Jahren 
sind noch an Arbeiten Schillings zu nennen: eine Phidiasstatue in Marmor für die Loggia des Leipziger 
Museums; die kolossale Quadriga für das Portal des neuen Dresdener Hoftheaters, Bacchus und Ariadne 
auf einem von vier Panthern gezogenen Wagen, in wieder stärker antikisierender Weise, darstellend; 
zwei ruhende Löwen in Bronze für die Artilleriekaserne in Dresden; mehrere Büsten; das Reformations- 
denkmal für Leipzig; 14 Standbilder berühmter deutscher Gelehrter für die Hörsäle der Strassburger 
Universität; das Giebelfeld für das neue Gewandhaus in Leipzig, Apoll unter den Hirten darstellend; 
und endlich das Denkmal für König Johann von Sachsen in Dresden. 
Reinhold Begas (geb. 1831), ein Schüler Wichmanns, später Rauchs, vertritt die 
malerische Barockrichtung und sucht in den Einzelbildungen eine Anlehnung an die Schule Michel-
	        
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