Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1856994
Vorherrschen 
Nationnlitätsidee in 
Indes sollte der Meister Recht behalten, wenn er in der Vorrede zu seinem grundlegenden Werke, „der 
Stil", von 1860-1863, darauf hinwies, dass sich das Kunstleben der damaligen Zeit in einer Krisis 
befinde, die aber eine glückliche Wendung zu gesunden Zuständen hoffen lasse. Schliesslich hat er 
selbst wesentlich dazu beigetragen, einen günstigen Umschwung zu bewirken. 
In dem obengenannten Werke „der Stil" betont Semper die Notwendigkeit, endlich die unnatür- 
liclie Trennung zwischen den sogenannten „Hol1en Künsten" und dem Kunsthandwerk aufhören zu lassen, 
so dass die Vertreter der akademischen Kunstbildung wieder an der Schaffung der Dekoration, wie 
dieselbe durch Stuckarbeiten und Malereien, durch Tischler- und Schmiedearbeiten, 'l'apeten, Teppiche, 
Iäeleuchtungsgegenstande und Geräte zur Ausstattung der Innenräume erfordert wird, thiitigen Anteil 
nehmen müssten, wenn ein wahrhaft künstlerisches Ganze erzielt werden solle. Ein zweiter, wichtiger 
von Semper hervorgehobener Grundsatz, dessen Erörterung sich durch das ganze Werk hinzieht, ist 
der Einfluss des Materials auf den Stil der Einzelformen, obgleich damit die Wirksamkeit der Idee als 
ersten formgebenden Faktors keineswegs beschrankt werden soll. Vielmehr tritt Semper der Meinung 
entschieden entgegen, welche die architektonische Formenwelt, besonders auch was die eigentlichen Gliede- 
rungen anbetrilft, ausschliesslich aus stofflich konstruktiven Bedingungen herleiten will, da doch stets der 
Stoff der Idee dienstbar sein muss. Wie sich Semper die ideelle Zweckerfüllung durch einzelne aus der 
handwerklichen Technik entlehnte Symbole denkt, wird von ihm umständlich in den nach den verschiedenen 
Urstoffen gebildeten Klassen: textile Kunst, keramische Kunst, Tektonik und Stereotomie, erläutert. 
Zugleich wird, um ein Beispiel anzuführen, an den aus der 'l'extilkunst entnommenen Ornamentsymbolen 
gezeigt, wie dieselben in die Monumentalkilnst zum Ausdruck des Reihens, Bindens, Bekrönens und 
Deckens übertragen werden. 
Mehr noch als in der eigentlich architektonischen Dekoration gewinnen die von Semper im 
„Stil" vorgetragenen Grundsätze Einfluss auf das Kunstgewerbe. Auch hier wird der Zusammenhang 
zwischen Form und Material hervorgehoben, und unter anderen gezeigt, wie in der Gefässkunst den 
leichter oder schwerer sohmelzbaren Thonarten, dem Kaolin, dem Glas und endlich den Metallen ein 
eigener Stil zukommt. 
An dieser Stelle ist noch einer auf das Naturvorbild zurückgehenden neuen Auffassung des 
Pllanzenornaments zu gedenken, welche sich neben die Nachahmung der überlieferten, stilistisch bereits 
geformten Motive stellt. Zu den Vertretern dieser Richtung gehört J acobsthal, derpan der Berliner 
Technischen Hochschule das Erbe Carl Böttichers in der Ornamentenlehre übernommen hat, aber 
durchaus seine eigenen Bahnen wandelt. Jacobsthal versucht, ähnlich wie Walter Crane und 
andere Engländer, den Reichtum der natürlichen Pilanzenformen für die Ornamentik zu verwerten, 
allerdings in einer streng stilistischen Umbildung, wie sie dem Wesen der architektonischen Dekoration 
entspricht. 
Die Nationalitätsidee, welche, wie schon erwähnt, in den siebenziger Jahren dem deutschen 
Geistesleben einen besonderen Stempel aufdrückt, lasst die Wendung zu den vaterländischen, mittelalter- 
lichen Baustilen starker als je hervortreten und aussert sich auf ornamentalem Gebiete in der Nach- 
bildung der heimischen Pflanzen- und Tierformen, die allerdings schon der historischen Gotik eigentümlich 
war. Die gleichzeitig mit der Wiederaufnahme dieses Prinzips hereinbrechende naturalistische Strömung 
könnte aber keineswegs als eine gerechtfertigte Folge der das Volkstümliche anstrebenden Richtung 
gelten, da stilistisch-struktive Grundsätze auch für die Bildung und Verwendung der heimischen Ornament- 
motive massgebend bleiben müssen. 
Ähnlich wie dies durch die Fortsetzung der mittelalterlichen Stilarten geschah, gab auch die 
neuentdeckte und neubelebte Deutschrenaissance der Ornamentbildung einen frischen Anstoss, indem die 
historisch hergebrachte, für den Stil charakteristische Verschmelzung der gotischen mit den Renaissance-
        

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