Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1855461
Allgemeines. 
aufgehört hatte; indes ergiebt sich in dieser Wiederaufnahme doch ein Unterschied gegen das Frühere: 
denn, abgesehen von einigen kritiklosen Versuchen das Alte mit virtuoser Geschicklichkeit zu kopieren, 
herrscht das Bestreben vor, das wirklich dem eignen Volksgeiste Entsprungene, von dem fremdartig 
gebliebenen toten Reste abzusondern. Merkwürdigerweise hat der Unterschied der Nachbarvölker gegen- 
einander in der Neuzeit einestärkere Betonung gefunden als je zuvor; denn Romanismus und Gotik 
waren vielleicht mehr ein gemeinsames Eigentum der nordischen Völker, als dies namentlich mit der 
heutigen Renaissance der Fall ist. Es soll deshalb nicht gesagt werden, das Aufkommen des Schlag- 
wortes vnational" hätte allen ferneren Eindringen des Fremden die T hür zugeschlagen, dies ist keines- 
wegs der Fall: die von Aussen herkommenden Anregungen haben fortgedauert und werden fortdauern, 
und zwar zu unserem grossen Nutzen. Um dies zu beweisen, braucht man nur an die Belebung des 
Farbensinnes zu erinnern, den das Herandringen des Orients in seinen kunstgewerblichen Leistungen auf 
den Weltausstellungen und durch die Bilder der Orientmaler auf uns gehabt hat, nicht minder das Japa- 
nische und Chinesische für die Ausbildung der Flachmuster. 
Um die Anfänge der romantischen Kunstweise zu finden, müssen wir vor die Mitte des 18. Jahr- 
hunderts zurückgehen. In Schottland entstanden um diese Zeit regelrechte gotische Schlösser mit breiten 
Mauertiächen, Masswerksfenstern, und grossen zinnenbekrönten Rundtürmen. Diese Wiederbelebung der 
Gotik war aus dem Verlangen der Bauherren entsprungen, dem sich die Architekten vielleicht wieder- 
willig fügen mussten. William Adam (T vor 1750), der Verfasser des Ylitruvius scoticus, erbaute 
Douglas castle ganz im gotischen Befestigungsstile, an den Ecken mit Rundtürmen besetzt; Inverary castle 
in Argylesshire, wird von Robert Morris in ähnlichen Formen errichtet. Nach England xierplianzte 
sich der romantische Sinn durch die neu aufkommende natürliche gegen die frühere architektonische 
Gestaltung gerichtete Gartenkunst; so war der Architekt Kent zwar ein überzeugter Anhänger der 
Antike, aber zugleich ein Förderer der natürlichen Gartenkunst; nun hängt die Aufnahme der sentimen- 
talen Romantik in die Baukunst wieder eng mit der Vorliebe für ungekünstelte Natur zusammen; und 
Kent hat bereits wieder Entwürfe zu Hausgeräten im wahren Geiste der Gotik geschaffen, wenn auch 
in unbehülflicher Fornienbehandlung. Der Lettner der Kathedrale von Gloucester von 1741 zeigt eine 
Mischung gotischer, maurischer und romanischer Motive, aber die Absicht Neues im Geiste des Mittel- 
alters zu schaffen, ist nicht zu verkennen. In den damals erscheinenden Lehrbüchern der Baukunst, 
wie in denen von Betty und Thomas Longley giebt es bereits einen gotischen Abschnitt; sie stellen 
eine Art gotischer Ordnungen auf. Zwei der dargestellten Formen, die Fensterverdachung mit gradem 
Gesims und senkrechten Wieder verkröpften Schenkeln, dann der Eselsriickenbogen, machen bald ihren 
Weg durch ganz Europa. Lord Walpole erbaute 1750-1777 Strawbury Hill castle, wollte aber nur 
das Innere gotisch ausgebildet wissen, während das Äussere antikisierende Formen zeigte. Chambers, 
der sonst in streng-palladianischen Formen baute, gab doch dem Zeitsinne nach, indem er Milton 
Abbey gotisch gestaltete. Wenn, wie wir sehen, die Romantik zuerst in Schottland und England Fuss 
fasste, so haben auch die Britten am meisten zur Förderung des Neuklassizismus beigetragen, indem sie 
die bis dahin nur durch unbestimmte Reiseberichte bekannten griechischen Denkmäler durch Aufnahmen 
zur Anschauung gebracht haben. Das Werk von Stuart und Revett „The antiquities of Athen" 
(London 1762) wurde in dieser Art epochemachend. Bald folgten die ersten von der Gesellschaft der 
Dilettanti veranlassten Publikationen: Travels in Grece and in Asia minor etc. von Chandler, Revett 
und Pars und ähnliche Arbeiten. Allerdings huldigten die Engländer schon vor dem Bekanntwerden der 
griechischen Monumente einem streng antikisierenden Palladianismus. Schon früher als die in Frank- 
reich mit Empirestil bezeichneten Formen sind die ähnlichen der Innendekoration in England. Es findet 
sich hier dieselbe Verwendung von Aussenformen im Innern, welche an die Stelle der anmutigen Zier- 
lichkeit eine kalte Grossheit setzen. Fratzen und Kartuschen waren schon längst verbannt, ebenso die
        

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