Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1856972
Vorherrschen 
der Nationalitätsidee in 
Kunst. 
Fenstern des zweiten Stocks, von einem Festzuge eingenommen wird, während sich im oberen Teile, 
zwischen den Fenstern des zweiten Stocks, architektonische Prospekte zeigen. Die Rahmprofile der 
Thür- und Fensteröffnungen im Erdgeschosse und ersten Stock sind in gotischer Weise vertieft, und 
die geradlinig geschlossenen Fenster des ersten Stocks sind durch Steinkreuze geteilt, dagegen sind die 
Fenster des zweiten und dritten Stocks mit vortretenden Renaissanceumrahmungen und dergleichen 
Bekrönungen versehen. Das steile Dach ist durch Erker, nach dem Muster der in Nürnberg üblichen, belebt. 
Der erste Vertreter der Gotik, welcher mehr leisten will als blosses Nachschaffen auf Grund der 
strengen historischen Schablone, ist Friedrich Schmidt; und auch dieser kommt erst in seinen späteren 
Jahren zu einer freieren Auffassung. Friedrich Schmidt (1825-1891), der ehemalige Domwerkmeister 
in Köln, spätere Privatbaumeister und Leiter der städtischen Gewerbeschule daselbst, hat die katholische 
Kirche in Quedlinburg in Sandstein erbaut (1853), die Stephanskirche in Crefeld in Ziegelrohbau, beide 
selbstverständlich in den Formen der kölnischen Schule. Im Jahre 1858 als Professor nach Mailand 
berufen und im Jahre darauf als solcher nach Wien, hat Schmidt daselbst noch eine Anzahl Kirchen- 
bauten in den Formen der historischen Gotik errichtet: die Kirche der Lazaristen (1860-1862), eine 
dreischiffige Hallenkirche mit doppeltem Kreuzschiff, einschiffigem Chor und Turm über der Vierung; 
die Pfarrkirche bei den Weissgerbern (1865), ein Langhaus mit überhöhtem Mittelschiff, das Querschiff 
mit polygonem Abschluss, der einschiffige Chor mit Seitenkapellen und der Turm im Rechteck an der 
Westfassade; die Pfarrkirche in der Brigittenau (1867-1873) mit flacher bemalter Holzdecke u. a. Erst 
mitvdem Bau der Kirche in Fiinfhaus-Wien (1867-1875) tritt ein Wendepunkt in Schmidt s Anschauungen 
ein; er unternimmt es an dieser Stelle einen gotischen Zentralbau zu schaffen, vielleicht mit einiger 
Anlehnung an böhmische Zentralbauten, aber doch mit der bewussten Absicht auf das zu erreichende 
Neue. Auch war Schmidt nicht vergeblich in Italien gewesen; er hatte dort den grossartigen mittel- 
alterlichen Profanbau kennen gelernt, der stets in den Hauptanordnungen von den Ideen der Antike 
beherrscht geblieben war; in diesem Sinne gestaltete er sein Rathaus für Wien. 
Da es nicht die Absicht ist, die Kunstgeschichte der vorliegenden Periode an dieser Stelle zu schreiben, 
sondern nur den Geist der damals herrschenden Bestrebungen in einigen Beispielen ins Licht zu stellen, 
so mag es vorläufig mit dem Vorstehenden genügen. Von der Mitteilung noch anderer Fassaden und Innen- 
räume aus dieser Zeit kann hier umsomehr Abstand genommen werden, als das bezügliche Material durch 
die Bauzeitungen und Spezialpublikationen der letzten Jahrzehnte hinreichend bekannt geworden ist. 
Im allgemeinen charakteristisch für die neuere deutsche Architektur-Entwicklung ist die ent- 
schiedene Wendung zur malerischen Auffassung, welche sowohl in der häufigen Bevorzugung des 
Barockstils als auch in der Wiederaufnahme der Deutschrenaissance zu Tage getreten ist. Eigentlich 
neue Systeme für Fassadenbildung und Raumdekoration entstehen zwar nur in den seltensten Fällen, da 
die Abhängigkeit von den historischen Stilformen noch zu gross ist, um ein unbedingt freies Schaffen 
zu gestatten; indes tritt die Absicht, modern sein zu wollen, immer deutlicher hervor. Aber selbst 
Semp er, der in der 'l'heorie die historische Schule bekämpfte und den Satz aufstellte: „die Lösung 
jeder Aufgabe muss aus den Bedingungen, wie sie die Gegenwart giebt, frei heraus entwickelt werden", hält 
sich doch, einige frühe später nicht mehr anerkannte Leistungen abgerechnet, ziemlich einseitig an den 
Stil der römischen Spätrenaissance, etwa im Sinne Vignolas, und bewährt in der Baupraxis nur ein 
geringes Mass origineller Erfindung; es lässt sich in den Hauptmotiven seiner Fassadenbildungen fast 
immer die deutliche Anlehnung an ein älteres Muster nachweisen. Andererseits hat sich Semper ein 
unbestreitbares Verdienst erworben, indem er in der Detaillierung, besonders in der seiner Dresdener 
Bauten, wieder an ältere daselbst vorhandene Vorbilder anknüpfte. Ein weiterer Vorzug der populärsten 
Semperschen Bauausfiihrungen ist das verständnissvolle Hineinziehen der figürlichen Plastik in die 
Gesamtkomposition, wie dies namentlich am Hoftheater und dem Museum zu Dresden zu bemerken ist.
        

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