Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1855454
Allgelneines. 
derselben hingewiesen; sie beruht auf tief innerlichen Gregensätzen des modernen Lebens, die bis heute 
noch keine vollständige Ausgleichung gefunden haben; und man muss sie, ohne gegen die eine oder die 
andere Richtung zu luolemisieren, als eine Art von Naturnotivendigkeit auffassen. Die eine Richtung, 
die griechisierende Neuklassik, ist der Ausdruck eines zum Kosmopolitisnlus hinneigenden Humanismus und 
beruht im Formalen ailf der durch Forschung neu vermittelten Kenntnis der griechischen und etruskischen, 
überhaupt vorrömischen Kunstdenklnaler; aber sie hat ungeachtet des scheinbar entschiedenen Wechsels 
der Grundlage gegen früher keineswegs die Bedeutung des Aufkonnnens eines neuen Stils, sondern sie 
stellt nur eine neue Wendung der Spätrenaissance dar, welche nun in der Hauptsache die griechischen 
wie früher die römischen Formen zum Vorbilde nimmt, sich aber den durch die modernen Anschauungen 
und Bedürfnisse geforderten Umformungen nicht entziehen kann. Die zweite Richtung. die romantische. 
ist christlich-religiös, sucht eine Anknüpfung an die im westlichen Europa ausgebildeten Stilformen, 
und kommt zunächst zu einer sehr ausserlichen Wiederaufnahme der mittelalterlichen Kunst, zwar nur 
in der Architektur, denn von einer Nachahmung des Mittelalters in Plastik und Malerei zeigt sich vorerst 
keine Spur. Die antikisierende Richtung war ohne Zweifel in der F ormenkenntnis der Architektur- und 
Skulpturwerke durch das lange Studium der antiken Vorbilder gegen die mittelalterliche im Vorteil, 
weniger war dies in der Malerei der Fall, da diese vorzugsweise eine Schöpfung der Renaissanceperiorle 
ist, die man ablehnen wollte. Indes büsste die Neuklassik andererseits wieder an Lebenslahigkeit ein, 
weil sie mit der Renaissancekunst zugleich die Arbeit von Jahrhunderten, welche der Anpassung der 
Antike an das moderne Ideal gewidmet waren, über Bord warf. Die Xeuklassik beraubte sich durch die 
Verlaugnung der Renaissance der Mittel zu grossen Leistungen und verlor zugleich jeden Zusammenhang 
mit dem Volksgemässen. Die Hauptursache für die Wendung zur Neuklassik gab eine gelehrte, aus der 
neu gewonnenen Kenntnis der griechischen Monumente abgeleitete kunstphilosophische 'l'heorie, während 
die Romantik noch reine Gefühlssaohe von naturalistisch-sentimentaler Färbung war. Allerdings dämmerte 
schon im Hintergrund dieser vagen Romantik die Iilmpiindung des Gegensatzes einer vaterländischen Kunst- 
weise gegen die fremdartige Überlieferung, obgleich diese Auffassung erst später stärker hervortritt. 
Die geschilderten Gegensätze, welche das Kunst-schaffen am Ausgange des 18. und etwa in den ersten 
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts beherrschen, gelten streng genommen nur für die westeuropiiisrhen 
Länder, Italien greift nicht wesentlich in diese Strömungen ein, vielmehr wird das Land im Süden 
der Alpen zu einer Art neutralen Zone, nach der die Künstler aller übrigen Länder unterschiedslos wall- 
fahrten, merkwürdigerweise sowohl Klassiker wie Romantiker, um sich daselbst die Anregungen für ihre 
besondere Richtung zu holen. Es entspricht diese Thatsache ganz dem zwischen Klassik und Romantik 
schwankenden Charakter der ersten Kunstperiode des 19. Jahrhunderts, die mehr durch den Hass gegen 
den Zopf als durch selbstschöpferisches Bilden.zusammengehalten war. 
Indes verlief der Kampf zwischen Romantik und Klassik keineswegs unfruchtbar, vielmehr ent- 
wickelten sich in der Dauer desselben die Keime zur Kunst der zweiten Periode, in der sich Schulen 
mit einem festen Programm bildeten: auf dem Gebiete der antikisierenden Kunst, die der hellenistischen 
Renaissance, die wieder frei und im modernen Sinne mit dem neu gewonnenen Formenschatz schaltete: 
und auf dem Gebiete der Romantik, die der Gotik und des Romanismus, die bereits eine genügende 
Kenntnis der historischen Stilarten erworben hatten, um mit denselben ein neues Programm lösen zu 
können. Diese eigenartigen Verarbeitungen der Antike und des Mittelalters gewinnen aber bereits in 
jedem Lande eine nationalgefarbte Gestalt, besonders auch deshalb, weil die Künstler dieser Periode, 
sehr ungleich der Mehrzahl derselben in der Barock- und Rokokoperiode, fast durchweg in ihrem Yater- 
lande thatig und deshalb mit ihrem Volke im Zusammenhange waren. Es erscheint nun auch bald im 
antikisierenden Lager ein nationaler Zug, der die einheimischen Renaissanceperioden einschliesslich der 
der Spatrenaissance zum Vorbilde nimmt, also scheinbar genau da wieder anknüpft, wo das 18. Jahrhundert
        

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