Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Dekorationsformen des 19ten Jahrhunderts
Person:
Ebe, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1854965
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1856354
Schulen 
auf historischer Grundlage. 
aber diese Richtung schritt nun auch frisch und kräftig vor und überholte die Nüchternheit der 
Schinkelschen Schüler in Berlin. Allerdings werden einige der Wiener Architekten oft stark eklektisch 
in ihrer Mischung der italienischen Renaissance mit mittelalterlichen Motiven; auch fehlt es in Wien 
durchaus an einer mitwirkenden stilgemässen Skulptur und Malerei ebenso wie an einer vollendeten 
Ornamentik. August von Siccardsburg (1813-1868) wurde 1844 Professor der Architektur an 
der Akademie, Eduard van der Nüll (18]2_1868) etwa gleichzeitig Professor an der Schule der 
Ornamentik; in ihren später gemeinschaftlich ausgeführten Bauten vertritt auch van der Nüll mehr 
die dekorative Siccardsburg mehr die konstruktive Seite. E. van der Nüll ist ein Romantiker, 
der glaubt mit allen Stilen frei schalten und nötigenfalls alles erfinden zu können, aber er treibt den 
Subjektivismus über die Grenzen des für den einzelnen überhaupt Möglichen hinaus und gerät deshalb 
in der Einzelbildung der Gliederungen und in der Ornamentik auf Abwege. Für den Arsenalbau in 
Wien wurde eine öffentliche Konkurrenz ausgeschrieben, zum erstenmale in Deutschland für einen 
Staatsbau. In die grosse Aufgabe teilten sich schliesslich Nüll, Siccardsburg, Rösner, Förster, 
und Hausen, wobei dem letzteren der künstlerisch bedeutendste Teil, das Waffenmuseum, zufiel. Der 
Bau wurde von 1849-1856 ausgeführt, in antikisierend romanischen Stilformen, im Ziegelbau mit Sand- 
steingliederungen, das Waffenmuseum besonders sehr reich. Schon vorher, 1846-1847, hatten van der 
Nüll und Siccardsburg das Karl-Theater und den Sophienbad-Saal in Wien ausgeführt, welcher letztere 
mit einer Gusseisen-Konstruktion überdeckt wurde. Eine Laube vor einer Villa zu Hüttelsdorf bei Wien 
(1845), von denselben Architekten, zeigt eine phantastische Gotik, obgleich die Verfasser glaubten, nur 
einen konstruktiven Gedanken in gefälliger Form, ohne Rücksicht auf einen historischen Stil, darzustellen. 
Im Jahre 1852 folgte der Bau der Neustädter Militärakademie. Am Haasschen Warenhause und dem 
Palais des Grafen Larisch lenkten Nüll und Siccardsburg mehr in die Bahnen einer malerisch 
behandelten italienischen Hochrenaissance ein. Das Hauptwerk der beiden Meister ist das Wiener 
Opernhaus (1861-1869), ein Sandsteinbau in Renaissance, aber in bedeutender Mischung der Stilformen, 
Während an den Seitenfassaden der Korbbogen zur Anwendung kommt, ünden sich im Innern romantische, 
frei behandelte Details. Das Opernhaus erscheint jedoch als ein bedeutender Schritt zur Gestaltung 
des modernen Theaters: Bühnenhaus und Zuschauerraum erheben sich als für sich behandelte Baumassen, 
und namentlich entwickelt sich die grossartige Anlage des Stiegenhauses zu einer wahrhaft monumentalen 
Schönheit. Die Errichtung des Zuschauerraumes folgt der italienischen Art, die Ränge senkrecht über- 
einander aufzubauen. In den reich entwickelten Foyers für den kaiserlichen Hof und das Publikum 
entfaltete sich eine vorher bei Theaterbauten unerhörte Pracht, mit Zuhilfenahme reicher malerischer 
Ausstattung. Das Wiener Opernhaus ist das Vorbild der Pariser Grossen Oper geworden. Als Lehrer 
wirken Siccardsburg und van der Nüll mit grossem Erfolg, fast alle bedeutenden Wiener Architekten 
der folgenden Generation sind ihre Schüler. Zugleich vollzog sich in der Wiener Akademie eine Speziali- 
sierung der Schulen, durch die Einrichtung der Meister-Ateliers, im Sinne der an der Ecole des beaux 
arts in Paris üblichen, welche nicht ohne Einwirkung auf die fernere Entwicklung des Wiener Bauwesens 
blieb. Hansen lehrte hellenistische Renaissance, Ferstel römische Renaissance und Schmidt Gotik; 
und mit dieser Teilung war ein festerer Anschluss an die überlieferten Stilformen gegeben. Ludwig 
Förster, der Begründer der Wiener „Allgemeinen Bauzeitung", hatte Theophil Hansen, der in 
Athen mit dem Bau des Museums beschäftigt war, 1846 nach Wien berufen, zunächst zu gemeinschaftlichem 
Wirken, indessen machte sich Hansen bald selbständig und verfolgte mit Glück seine eigene Richtung, 
die hellenistische Renaissance. Förster hatte 1843-1844 einige Ladenhäuser erbaut, im Innern noch 
kleinlich, mit unbedeutenden Putzfassaden, zwischen gräcisierenden und Renaissanceformen schwankend. 
Als 1857 die Niederlegung der Wiener F estungswerke begann, entwarf Förster den Stadterweiterungsplan 
mit der Anlage der später so bedeutend gewordenen Ringstrasse. In den von Förster und Hansen
        

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