Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1844975
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1846045
454 TIZIAN UND DIE FARNESEN. 
XIV. 
.Als ich heute meiner Gewohnheit zuwider allein oder viel- 
mehr nur in Gesellschaft meines Recidiv-Fiebers gespeist, Welches 
mir all' die guten Dinge, die vor mir standen, verleidete, legte 
ich mich in's Fenster und beobachtete die zahllosen Boote, na- 
mentlich die Wettfahrt der von ausgezeichneten Ruderern be- 
dienten Gondeln auf dem grossen Kanal. Ich überschaute die 
Menge, welche den Rialto und die Riva füllte, um dem Schau- 
spiel beizuwohnen, und als sie allmälig wieder verschwunden 
war, erhob ich den Blick zu einem Himmel, wie er seit den 
Tagen der Schöpfung nie herrlicher im Licht- und Schattenspiel 
erglänzte. Es war eine Luft, wie sie ein Künstler wohl zu malen 
wünscht, der das Unglück hat, nicht Tizian zu sein. Der steinerne 
Bau der Hauser erschien mir in all' seiner Kraft wie künstlerisches 
Scheinwerk, die Atmosphäre manigfaltig abgestimmt von Klarheit 
zu Dämmerung, die Wolken oberhalb der Dächer verloren sich 
in weiter Ferne in grauen Dunst, die vordersten sonnenhell strah- 
lend, die ferneren Schichten wie bleierne Masse, die endlich in 
wagerechte Streifen sich auflöste, hier grünlichblau, dort bläulich- 
grün über den Palastmassen sich ergiessentl  mit einem Wort: 
ich war in eine Landschaft unseres Vecelli versetzt. Schauend 
und geniessend seufzte ich: O Tizian, wo bist Du, und warum 
malst Du das nicht? "i" 
Wo diese wohlberechneten Seufzer den Meister damals ge- 
funden haben würden, wissen wir nicht genau. Vielleicht war er 
auf den heimathlichen Bergen, vielleicht auch kreuzte er in der 
Gegend, von Colle auf der Lauer nach der Pfründe Pomponids. 
Zu Anfang des Jahres hatte er nämlich mit der Gemeinde von 
Castel Rcganzuolo, deren Kirche zu Colle bei Ceneda gehörte, 
den Vertrag über Lieferung eines dreitheiligen Altarsttickes ab- 
geschlossen, das im folgenden September fertig sein sollte. Er 
scheint sein Versprechen inne gehalten zu haben, dagegen liess 
es der Kirchenvorstand seinerseits fehlen. Die ausbedungene 
Summe von 200 Dukaten wurde nicht rechtzeitig beschafft, denn 
L 
di 
40 Dies ist der Inhalt von 
M. I". Aretino III. S. 4G. 
Aretin's 
Brief, Venedig Mai 
154-1 
in 
den 
Lettere
        

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