Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1844975
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1847995
CAP. XIX. DIE BILDER IN S. SALVADORE. 645 
rechten Hand hebt sie den Schleier auf, der ihr Haar bedeckt 
und ihre Gestalt umiliesst; sie richtet den Blick fest auf den 
beilügelten Boten, der von 1i11ks kommend mit über der Brust 
gekreuzten Armen sich vor ihr neigt; mit der andern Hand hält 
sie noch immer das Buch als sei es ein Theil von ihr selbst. 
Der Typus ist nicht gerade jugendlich madchenhaft, sondern er- 
innert einigermaassen an die Magdalena oder an die Venus in 
der Ermitage und im Palast Borghese, aber dabei von einer 
Würde und Höhe und so charaktervoll, dass die Aehnlichkeit 
mit jenen Wesen einer andern Sphäre sich auf die Gesichtsform 
beschränkt. Vermöge der grossartigen Auffassung kommt Tizian 
dem Michelangelo so nahe als es nur irgend in seiner Natur lag. 
Das in den hurtigen Bewegungen und dem fröhlichen Spiel der 
Engel pulsierende Leben, GabriePs graziöse Haltung, der Zauber 
glänzender Gewandtöne, die Schönheit der Gruppirung in der 
Glorie, der Glanz der Flügel in der strahlenden Atmosphäre, die 
reichen Contraste von Licht, Schatten und tieftöniger harmoni- 
scher Farbe, Alles vereinigt sich zum fesselndsten Eindruck, der 
noch gesteigert wird durch meisterhafte Behandlung, obwohl 
Hand und Auge des Meisters zur Durchführung der Einzelheiten 
nicht mehr ausreichten und er sich deshalb mit breiten Pinsel- 
zügen und grossen Farbenilächen behelfen musste." 
Vasari, der dieses Bild und die „Verklarungu im Jahr 1566 
sah, will uns zwar glauben machen, Tizian habe diese Werke 
nicht eben sehr geachtet, wie er selbst sie auch für unterge- 
ordnete Leistungen hielt, aber damit stimmt die Anekdote sehr 
schlecht, welche berichtet, der Meister habe mit grossem Un- 
Willen die Behauptung laut werden hören, sein Werk dürfte den 
Käufern kaum genügen. In der That nimmt es sich wie ein 
herzhafter Protest gegen solche Verkleinerungssucht aus, Wenn 
 
67 Leinwand, Figuren lebensgross, am Boden oberhalb des Malernamens der 
Spruch „Ignis ardens non comhurens"; zwischen Gabriel und Maria sieht man 
durch die offene Thür auf Landschaft. Auch hier ist der Ton vermuthlich infolge 
sehr ausgedehnter Anwendung harziger Farbe in Schatten und Lusuren dunkel 
geworden. Das Bild ist gestochen von G. Cort. Vasari erwähnt es XIII. 37, auch 
sämmtliche Guiden und sonstige Handbücher der venezianischen Kunstgeschichte 
führen es auf.
        

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