Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1844975
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1847577
CAP. 
XVlH. 
ALTARBILD FÜR CADORE 
595 
Finger fassend trinkt er an der Brust der Mutter, die sich sanft 
über ihn beugt und ihm das auf Kissen ruhende Köpfchen unter- 
stützt. Von rechts keucht der greise Andreas unter der Last seines 
Kreuzes heran und schaut gleich seinem Gegenmann S. Tiziano 
von Oderzo, einem jungen stattlichen Pralaten mit schöner Adler- 
nase und diinnlockigem Bartantlug in weisser Tiara und Mitra, 
inbrünstig auf den heiligen Knaben, der sich durch die feierliche 
Adunanz in seinem kindlichen Behagen nicht stören lässt. Hinter 
seinem Namensheiligen kniet angeblich Tizian selbst als Tempel- 
diener, graubärtig, in schwarzer Kutte und Kappe, mit (lem 
Krummstab des Bischofs in der Hand. Die Ueberlieferung des 
Anonymus Tizianello über dieses Porträt und das des Fran- 
cesco Vecelli in Gestalt des Andreas bestätigt der Augenschein, 
wenigstens was Tizian betriiit." 
Als eigenhändige Arbeit des Meisters kann aber das Bild 
keineswegs gelten. Es ist eine ziemlich kunstlose Zusammen- 
stellung von Porträts, die zwar frei behandelt sind, aber von 
Hauer Farbengebung und jener leeren Einförmigkeit, welche sich 
aus dem übermässigen Gebrauch von Lack erklärt. Das Ganze 
zeigt einige der technischen Gewohnheiten Tizian's, jedoch ohne 
seine Kraft und Geschicklichkeit und gehört demnach einem 
Maler an, der genau mit dem Verfahren des Alten vertraut war. 
Das kann nun füglich Niemand anders als Orazio gewesen sein. 
Tizian gab also ein Altarbild nach Cadore, an dem er vielleicht 
kaum einen Strich selbst gemalt hatte, und dies erklärt unter 
Anderem auch den empfindlichen Mangel an Charakter, den sein 
(lortiges Porträt zeigt. Statt der edlen ausgeprägten Linien, welche 
uns auf den Exemplaren in Berlin und Madrid entgegentreten, 
hat man hier nur eine schwache Verallgemeinerung der Zuge 
vor sich.  
Von Francesco Vecelli sagt sein Verwandter Vicenzo, er 
sei eine imposante Erscheinung gewesen. i? Das lässt sich nun 
auf die Physiognomie des Andreas, unter welchem wir sein Con- 
" Tizianellds Anonymus S. 8. 
42 s. die Orazione panegirica bei Ticozzi
        

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