Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1844975
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1847484
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TlZlAN UND PHILIPP DER II. 
CAP. XVIII. 
schlankerem Wuchs als früher. Hervorragender Sinn für das 
Plastische spricht aus den Figuren, die des kritftigen Farben- 
körpers und der breiten Pinselmodellierung unbeschadet weichen 
Ton und glatte Fläche bieten, von warmem Lichthauch über- 
gossen, der in braune durchsichtige Schatten überleitet. Immerhin 
mag Tizian an harziger Untertuschung und lockerer Strichführung 
zu viel gethan haben; dergleichen technische Kunstgriffe waren 
ihm zur Gewohnheit geworden, aber sie sind gerade an Gegen- 
standen, bei denen es sich um die Schaustellung des Nackten 
im offenen Sommerlicht handelte, vielleicht am ersten angebracht, 
und Tizian war viel zu sehr Welt- und Naturkind, um Vorgänge, 
die so ganz dem Irdischen angehören wie diese, in geheimniss- 
volle Beleuchtung zu rücken. 
Der sichere Handwerksinstinkt oder „Schick" der z. B. dem 
Paolo Veronese frühzeitig eigen wurde, hat sich bei Tizian ver- 
hältnissmässig spät erst eingefunden. Es wäre voreilig, wollte man 
aus der Gleichzeitigkeit dieser Erscheinungen bei beiden Meistern 
auf unmittelbaren Einfluss sehliessen. Während Tizian "Diana 
und Aktäon" und die „Grablegung" vollendete, hatte Paolo sein 
berühmtes „Fest im Hause des Simon" (jetzt in 'l'urin) unter 
Händen, wo er auf einem Raum von fünfundzwanzig Quadrat- 
ellen Leinwand Pracht-Architektur und kostbare Gewandmalerei 
mit allem nur irgend erdenklichen Realismus zusammenbrachte. 
Grösse und Farbenglanz gaben dem Gemälde ohne Zweifel eine 
ganz eigenthümliche Anziehungskraft, das Merkwürdigste an dem- 
selben bleibt aber die Taktik des Colorits. Das in diesem und 
ähnlichen Werken gehandhabte Prinzip ist in der Oelmalerei weit- 
seltener als im Fresko und besteht einfach darin, Farben von 
glänzenden Tinten derart zusammenzubringen, dass sie sich da- 
durch gleichsam gegenseitig aufheben. Die orientalischen Weber 
"hatten dieses Geheimniss seit Jahrhunderten praktisch befolgt. 
Paolo wendete es nicht allein an, um die Theile eines Anzuges 
unter einander zu scheiden, sondern auch zur Loshebung der einen 
Gßwandfigur von der nächsten; er löste sogar die Fleischtinten 
auf und setzte Farben ohne Uebergänge zusammen, die einander 
als Complemente dienen. Mit diesem Verfahren liessen sich
        

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