Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1844975
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1847224
570 THÄTIGKEIT FÜR PHILIPP DEN ll. CAP. XVII. 
gross, dass er reissende Fortschritte machte und sich in den Pro- 
vinzen einen Namen erwarb, der ihn denn Wahrscheinlich ver- 
anlasste, in der Hauptstadt sein Glück zu versuchen. Um das 
Jahr 1555 ging er nach Venedig und war so glücklich, in seinem 
Landsmanne Fra Bernardo Torlioni, Abt des Klosters S. Sebastian, 
einen Anhalt zu finden. Tizian erkannte das Talent des jungen 
Künstlers bald und zog es gebührend hervor, ja er nahm keinen 
Anstand, mit ihm gemeinschaftlich zu arbeiten. In der Zurück- 
gezogenheit seiner Werkstatt componierte er eine Allegorie für den- 
selben Raum, in welchem Paul sich zuerst bei den Venezianern 
öffentlich eingeführt hatte. Dies ist der schöne Johannes in der 
Wüste  das Bild, welches Jahrhunderte lang den Altar in der 
Kirche S. Maria Maggiore geschmückt hat und nun in der Akade- 
mie zu Venedig hängt. Vasari und Dolce loben mit vollem Recht 
diese Schöpfung als ein Wunder an Zeichnung und Farbe." 
Elidßglrjä In Auffassung und Formbehandlung, Naturwahrheit und Pla- 
"stik des Vortrags ist es ein Vorbild für den jungen Nachfol- 
ger geworden. Als Einzeliigur verkörpert dieser "Johannes" die 
Summe der Grundsätze, welche im 16. Jahrhundert über den 
Bewegungsausdruck geltend gemacht worden waren. Er ist ein 
Vollendetes Bild der Muskelkraft und Elasticitat bei erhobenem 
Wesen. Auf den ersten Eindruck unterscheidet sich die Gestalt 
wenig von anderen Tizianischen Schöpfungen. Sie ist mit ge- 
wohnter Energie und der ihm eigenen Leidenschaft des Vor- 
trags gemalt, aber dazu tritt hier noch ein aüssergewöhnliches 
Studium der Anatomie, Genauigkeit des Umrisses und eine 
mehr skulpturale Durchbildung der einzelnen Theile. Vergleicht 
man das frühere Johannes-Ideal der norditalienischen Schulen, 
so findet man den einsamen Asceten durch abgezehrten Körper, 
scharfen Gesichtsschnitt, wirres Haar und wilden Blick charak- 
terisiert. Tizian hat im Allgemeinen den Typus des Täufers 
festgehalten, hat ihn aber zu grossartigem Ebenmaass in sich 
beruhender Kraft erhöht. Das krause schwarze Haar und der 
 
57 Vasari XIII. 27, Dolce, Dialoge S. 66. Diese letztere Erwähnung beweist, 
dass das Bild vor 1557, dem Jahre der Veröffentlichung des Dialogs, entstanden war.
        

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