Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Grundsätze der Ölmalerei und das Verfahren der classischen Meister
Person:
Ludwig, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1841768
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1842524
Erster Abschnitt. 
Die Temperatafeln wurden nuifzwar getirnisst. Jene tiefe 
Intensität der Farbe lockte der Firniss hervor. Schön und 
mit unverkennbarem Respect sagt Cennini: „Der Firniss 
ist eine starke Flüssigkeit, er hat hervorhebende Kraft. Und 
jedes andere Bindemittel muss sich ihm fügen." 
So machte denn freilich der Firniss die Schatten und 
lntensivfarben voller, aber die Lichter verdunkelte er. Und 
kamen unerwartete Flecken zum Vorschein, so war es zu spät, 
sie zu verbessern. Das Schlimmste aber war, der Maler hatte 
Während des Malens,  und das war nun zum zweiten Mal, 
dass er sich dieser Nothwendigkeit fügen musste,  keine 
lebhafte Vorstellung von der Schlusswirkung, die sein Bild, 
gefirnisst, machen würde. Die Absicht auf diese Schlusswir- 
kung konnte er also bei der Arbeit nicht klar verfolgen. Hatte 
es doch schon grosse Uebung gekostet, in der theilweise noch 
nassen Malerei während der ganzen Arbeit durchaus andere 
Töne vor sich zu dulden, als die übrige schon getrocknete 
Umgebung forderte, und dennoch den Schlusseffect genügend 
im Auge zu behalten. 
Der Hauptmangel der YVasserfarben ist, dass der Maler 
durch das, was er im Augenblick des Malens auf dem Bilde 
vor sich sieht, nicht in der klaren Vorstellung dessen bestärkt 
wird, worauf seine Absicht eigentlich gerichtet war. Es ist 
gar nicht möglich, dass sich beim Künstler die fortschreitende 
Absicht entwickle, ein ihm in seinen Ursachen noch uner- 
schlossenes Naturproblem eingehend zu studiren, wenn das 
Darstellungsmaterial den sofortigen lebhaften Ausdruck der 
an dem Vorbild aufgefundenen Ursachen der Erscheinungs- 
form versagt. 
Im concreten Falle, wer kann sein Gefühl für Modellirung 
ausbilden, wenn sich ihm seine gemalte Modellirung fort- 
während unter dem Malen verändert. Er sei z. B. mit dem 
zweiten Halbton des Lichtes beschäftigt und suche dessen 
Helligkeitsverhältniss zu dem kommenden Halbschatten. Im 
Augenblick, nachdem er ihn aufgetragen, erscheint ihm dieser 
Lichtton dreimal so dunkel, als der allerdunkelste Schatten, 
den er zu malen hat, und es bleibt nun nichts übrig, als auf's.
        

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