Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Grundsätze der Ölmalerei und das Verfahren der classischen Meister
Person:
Ludwig, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1841768
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1844378
der alten 
Kunstwerken 
Führung der Arbeit 
Schulen. 
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licher und aller Gestalt befreit von der Kleinlichkeit und 
Dunipfheit des Klebens am einzelnen Fall. An die Stelle 
sclavischer Nachahmung des Modells trat die Vorstellung von 
der idealen Vollkommenheit des Körpers. 
Was nun (las Libro di Pittura und die zu demselben ge- 
hörigen Notizen doppelt Iesenswerth macht, ist, dass d a 
Vinci in ihnen die Stadien der Heranbildung und Vollenl 
dung seiner Gedanken niedergelegt hat. Sich im Leuchten 
dieser hellen Gedanken zu sonnen, erweckt dasselbe Wohl- 
gefühl, welches uns jedesmal überkommt, wenn wir einer aus 
jener schönen Zeit des Einklangs zwischen abstractem und 
anschaulichem Denken herstammenden Geistesausserung be- 
gegnen. Die Sprache wird um so deutlicher, als er Vielfach 
die ihm zu langsamen Zeitgenossen stachelt. 
Gar vielen Künstlern erscheint das, was dort geschrieben 
steht, jetzt, nachdem es Lionardo gesagt hat, wie "Kinder- 
spiel. Eine andere Frage ist aber die, ob sie die Kraft be- 
sitzen, danach zu handeln, und doch wäre die Befolgung 
der Lehre das Hauptsächliche. Denn wenn es die vornehmste 
Aufgabe der Kunstforschung ist, der Beschaffung und Hand- 
habung von Dzirstellungsinitteln nachzuspüren, so erwachsen 
V erstandniss und Würdigung dieser Dinge erst vollkommen 
aus der Praxis derselben. Und oft wird gerade das, was sich 
in Zeiten solcher Kunstblüthe, wie die Renaissance war, zur 
leichtestverstandlichen Klarheit und Einfachheit des Gedanken- 
ausdrucks "heranbildete, in der Praxis seine unendliche Tiefe 
und zugleich seine Schwierigkeiten erschliessen. Der Kunst- 
forscher, der in die innere Geschichte der Epochen einzu- 
dringen beginnt, wird finden, dass gerade jene einfachsten 
Aussprüche hellen Menschenverstandes, die sich geistreichen 
Phantasieen gegenüber so wenig blendend ausnehmen, die 
Blüthen nur der allerintensivsten Geistesarbeit sind, und der 
Künstler, der sich in das practische Verstandniss jener Lehren 
vertieft, wird inne, dass auch die Kraft des lebhaftesten Talents 
ihn im Stich lässt, wenn sich derselben nicht die bescheident- 
lichstc Geduld und die inannhztfteste Ausdauer paaren,
        

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