Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Grundsätze der Ölmalerei und das Verfahren der classischen Meister
Person:
Ludwig, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1841768
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1844323
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Anhang. 
schöpferisch wirkenden sinnlichen Vorstellungskraft den Gött- 
lichen und den Schrecklichen nannten, fragen, 0b ihm sein 
"wissenschaftliches Forschen zu einer noch lebhafteren Vor- 
stellung von der Erscheinung seines Objectes verhelfe, als 
Jenem seine weit naiver verfahrende sinnliche Beobachtung. 
Wir wollen also die Kraft und Klarheit dieses künst- 
lerisch anschaulichen Denkvermögens fürderhin nicht als etwas 
[lntergeordnetes betrachten. Hat es denn nicht in vieler Be- 
ziehung die grösste Verwandtschaft mit dem Denken des 
Naturforschers, schöpft denn nicht der Künstler gerade so, 
wie Jener, seine Hypothese aus der sinnlichen Beobachtung, 
und bestätigt er sie nicht ebenso durch den sinnlichen Ver- 
such, bei dem sich jeder lrrthum klarstellen wird? 
Diejenigen aber, welche geneigt sind, dem Lionardo 
naturwissenschaftliche Thatigkeit im heutigen Sinne zuzu- 
schreiben, überschätzen wohl seine Leistungen auf diesem 
Felde. Hat er doch auch nicht einmal den Versuch gemacht, 
auf seinen Naturbeobachtungen auch nur eine einzige natur- 
wissenschaftliche Hypothese aufzubauen. Der einzige Zu- 
sammenhang, der uns zwischen allen seinen Naturbeobach- 
tungen deutlich wird, ist, dass sie in seiner künstlerischen 
Persönlichkeit zusammenlaufen. Sein mathematisches Nach- 
denken und Wissen bezogen sich auf practische mechanische 
Probleme und Leistungen. Er war Anatom, sogar messcnder 
Anatom, und beschäftigte sich mit den Gesetzen der Statik, 
weil er die Kenntniss des menschlichen F ormendetails und 
der Proportionen und Bewegungsgesetze für unentbehrlich 
hielt, wenn man den menschlichen Körper im Bild darstellen 
wollte. Er fand das stereoskopische Sehen, weil er bei seinem 
eingehenden Forinenstudium nahe perspectivische Abstände 
wählte und dennoch zugleich darauf ausging, die einheitliche 
perspectivische Idee des ganzen Bildes zur Geltung zu bringen. 
Die F arbenerscheinungen der trüben Medien wurden ihm deut- 
lich an der zu Zwecken seiner Licht- und Schattenlehre ver- 
dunkelten Farbentechnik. Aber weiter, als der Zweck seiner 
künstlerischen Darstellung verlangte, liess es sich von keiner 
dieser sich seinem Genie doch mit Leichtigkeit bietenden Ent-
        

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