Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Grundsätze der Ölmalerei und das Verfahren der classischen Meister
Person:
Ludwig, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1841768
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1844316
Führung der Arbeit an 
der alten 
Kunstwerken 
Schulen. 
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sich für manchen modernen Denker das Behagen an solcher 
Einfachheit schwer mit der Fähigkeit naturwissenschaftlicher 
Funde, wie Lionardo sie mit blitzartiger Scharfe that, zu- 
sammenreimen. Aber wir haben wohl heute kaum einen Be- 
griff davon, wie weit die ausgebildete Sinnlichkeit jener Zeit 
unsere in aufsteigendem Wissen geschulte abstracte Denk- 
methode in concreten Fällen ersetzen konnte. 
Wir wollen uns dies einmal an irgend einem hervorragen- 
den Beispiel annähernd klar zu machen suchen. Erinnern 
wir uns der Buon arottisehen Fresken in der Sixtinischen 
Capelle. Es handelt sich hier um die Darstellung des mensch- 
lichen Körpers in der höchsten Vollendung anatomischer 
Richtigkeit und in der grössten Mannigfaltigkeit der Ansichten 
und Wendungen. Dieselbe ward von dem Künstler so sehr 
beherrscht, dass selbst in dem Riesenmaassstabe der Figuren 
kein Fehler zu Tage tritt. Ja, was unser Erstaunen auf's 
Höchste steigern muss, sie ward mit spielender Leichtigkeit 
beherrscht, denn das Material, in dem die Werke ausgeführt 
sind, setzt die prompteste Entschlossenheit voraus und erlaubt 
keine Aenderungen ; und mit so hoher Vollendung wir es auch 
gehandhabt sehen, es war dem Meister ein ungewohntes, 
welches seine Aufmerksamkeit also auch noch an und für 
sich in Anspruch nahm. Nicht einmal der so wünschens- 
werthe Vortheil des Ueberblicks über seine Arbeit war dem 
Maler bei seinem Standpunet auf dem dicht unter dem Ge- 
wölbe befindlichen Gerüst vergönnt. Der Meister war also 
ganz auf die Sicherheit seines sinnlichen YVissens und auf die 
Lebendigkeit seiner Combinationskraft angewiesen. Denn er 
konnte an dem Modell ja kaum genaue Vorarbeiten gemacht 
haben, befinden sich doch viele dieser Figuren in Bewegungen 
und Ansichten, welche am Naturvorbild nur auf Augenblicke 
darstellbar sind. Nun steht wohl fest, dass dem Buonarotti 
anatomische Kenntnisse zu Hilfe kamen. Aber gewiss lassen 
sich dieselben nicht mit denen heutiger Anatomen vergleichen. 
Und doch möchten wir jeden heutigen Erforscher des mensch- 
lichen Organismus vor den Werken jenes Mannes, den seine 
Zeitgenossen wegen seiner an's Uebernatürliche streifenden,
        

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