Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Grundsätze der Ölmalerei und das Verfahren der classischen Meister
Person:
Ludwig, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1841768
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1844107
194 
Zweiter 
Abschnitt. 
zogene, in der Darstellung laegegnen wir nicht der Natürlich- 
keit der ltiittelverwentlung, die wir hier doppelt energisch auf- 
treten sehen sollten. Wie anders verführen die Alten! Ihnen 
blieb die Natürlichkeit vorherrschend ein Mittel, und zwar 
ein sehr vornehines, für die Darstellung ihrer Gedanken, waren 
diese nun Gedanken über die Natur, oder waren sie seelisch 
ideales der Mittheilung. Ihre wohlerzogene, niit jenem Reich- 
thurn conereten Wissens ausgerüstete Darstellungskraft ver- 
mochte dann aber selbst Ideales mit der überzeugenden Leih- 
haftigkeit der Naturerseheinung auszustatten. Und so mochten 
sie wohl von sich sagen können, ihr YValten stehe schöpferisch 
neben dem der Natur. Ja, indem sie Solches, das erfahrungs- 
gemass auf das Schönheitsgefühl günstig wirkte, in ihrer Kunst 
zu wiederkehrenden Regeln zusamrnenordneten und sogar der 
Mittelschönheit ein von der Natürlichkeit unabhängiges Feld 
zu gewähren im Stande waren, mochte es ihnen gestattet sein, 
zu sagen, sie übertrafen und bereicherten die Natur. 
Oder Wollen wir dem widersprechen, wenn wir Buona- 
rotti's und Rafaiölys ldealgestialten betrachten? Treten uns 
dieselben nicht mit der {Lebensfäihigkeit der Natur entgegen? 
Und doch ist der Mittelaufwztnd ein gar nicht sehr umfang- 
reicher, nur ist alles mit klarer Einsicht und voller Energie 
gethan. S0 fällt es uns denn gar nicht ein, dass das Wesen 
dieser (Äiestalten ein ideales und also eigentlich ein unkörper- 
liches sei. Wer sah zu der Poesie des Rafael mit ihrem 
aufgespannten Flügelpaar hinauf, und glaubte nicht fortan, er 
habe dort das leibhaftige Bildniss der (löttin gesehen, und 
Wer stimmte nicht freudig in die stolze Beischrift, die ihr 
Schöpfer ihr gab, mit ein: „Numine afflziturttin). 
Festhalten an der Tradition und an eignen Erfahrungen 
wird die Fertigkeit in allein Einleillßll Wohl fördern, aber 
Rleisterschaft wird darum noch nicht häufiger werden. Wir 
1) Und wer, so könnten wir weiter fragen, empfand jemals-eine der 
Figuren unsrer Realisten so stark als Lebensfähiges und trug sie, seinem 
Gedäehtniss nnauslösehlich eingeprägt, mit sich fort, obwohl ihre Vorbilder 
uns doch täglich begegnen und dem Studium sich darbieten.
        

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