Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Grundsätze der Ölmalerei und das Verfahren der classischen Meister
Person:
Ludwig, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1841768
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1842201
Erster Abschnitt. 
scheinung dringt, wird er dessen, was Arbeit erfordert und 
das Interesse weckt, noch eine übermässige Fülle finden, denn 
der Reichthum der Natur ist nach jeder Seite hin und auch 
im scheinbar Einfachsten unergrünrllich.  
Und hierin liegt zum Ersten das grosse Uelwergewicht des 
künstlerischen Geistes der Alten, dass er sich in die Genauig- 
keit der Beobachtung vertiefte, während der Moderne auch über 
das Complicirte den Blick nur flüchtig dahin schweifen lasst. 
Die künstlerische Nachahmung ist nicht der Ausdruck des 
Natürlichen selbst, sondern nur der des Künstlers, dessen Geist 
bei der Beobachtung und Darstellung thatig war. Nicht das 
Object der Beobachtung, ob es selbst complicirt oder einfach 
War, fallt dabei für den Schauenden in's Gewicht, denn dieser 
bekommt nur den Reichthum oder die Armuth der von dem 
Künstler ausgesprochenen Beobachtungen zu Gesicht; nach 
der Menge der ausgesprochenen beurtheilt er den Reichthum 
des Problems. 
Obwohl nun der Künstler nur auf die Darstellung der 
Oberfläche angewiesen ist, so wird er diese doch um so besser 
nachzubilden vermögen, je vollkommener er sie als das Er- 
gebniss der unter ihr liegenden Formen aufzufassen versteht. 
Indem er durch die Hülle hin den Organismus selbst sieht, 
wird er in ihr Vieles betonen, was demjenigen entsehlüpfe 
muss, der nur die Oberfläche kennt.  
Oder aus welchem Grunde malten Lionardo und Micheli" 
Angele den menschlichen Körper so viel besser, als ihre Vor- 
gänger, wenn nicht aus dem ihrer auf den inneren Bau des 
Körpers gerichteten Aufmerksamkeit? Und wir dürfen gewiss 
sein, dass ein Künstler, der mit dem Wissen unsrer heutigen 
Anatomen und Physiologen und zugleich mit der darstellenden 
Kraft Jener ausgerüstet wäre, jede bis jetzt dagewesene Dar- 
stellung der menschlichen Gestalt weit in Schatten stellen würde; 
denn obgleich sich nicht Alles, was die heutige Wissenschaft 
vom Organismus weiss, auf der Oberfläche auszusprechen 
scheint, so ist doch nicht abzusehen, mit welcher bis jetzt un- 
geahnten Energie ein Solcher diese Oberiiache zu beleben ver- 
stünde.
        

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