Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Grundsätze der Ölmalerei und das Verfahren der classischen Meister
Person:
Ludwig, Heinrich
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1841768
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1843885
172 
Zweiter 
Abschnitt. 
Reinlich- 
keit. 
stehen fest. Mit Form und Erscheinung der Natur, deren er 
für sein Bild benöthigte, hat er sich vertraut gemacht, lernend, 
wo ihm genügend klare Vorstellung mangelte, und nach allen 
Seiten hin überlegend, was von dem Gelernten dem Ausdruck 
seiner künstlerischen Absicht dienstbar, oder selbst zur Ab- 
sicht werden könne. Denn wenn er einmal mit dem Malen 
des Bildes beschäftigt ist, dann muss sein Willensausdruck 
frei sein. Dann ist es nur noch thunlich, das Naturbild zur 
Wiederbelebung des schon Gewussten, oder höchstens zur 
Nachbildung des Reizes stofflichen Details heranzuziehen. Die 
Natürlichkeit ist nicht der vornehmste Zweck des Kunstwerkes, 
sie ist nur ein Darstellungsinittel. Schlimm für den Maler, 
wenn er ohne eine klare Vorstellung dessen, was er will, das 
Naturvorbild neben seinem Werk erst noch zum Gegenstand 
elementaren Studiums machen muss. Die übermächtige leib- 
liche Wirklichkeit der Natur wird ihn bald von der noch 
ungeschaffenen Absicht seiner Vorstellungskraft abwendig 
machen  
Solche allererste X7orloedingungen des Gedeihens setzen 
wir, wie gesagt, voraus. Wir setzen auch voraus, dass er von 
allem Anfang an Achtung vor dem habe, was sein Kunstwerk 
Werden soll, nämlich die höchste Zierde des Raumes, für den 
es bestimmt ist. So halte er denn von vornherein seine Tafel 
'frei von Schmutz und von allem Ungehörigen, Zufälligen, das 
Schmutz veranlassen kann. Nicht nur, weil es ihm die Arbeit 
1) Das fortwährende llildermalen im Beisein des Modells ist, umge- 
kehrt, Hauptursache, dass die Modernen sich niemals zu einem Erfahrungs- 
schatz des Naturstudiums aufschwingen. Sie gehen nie aus ganzer Seele 
und ohne alle Rücksicht auf Anderes an das Studium der Natur, sondern 
sind gethcilt zwischen die Sorge für das Bild und die Naturbeobachtung. 
So kommt es, dass sie nie das Wesen und die Totalität des Naturvcrbildes 
auf-fassen, sondern, zerstreut und befangen, an unbedeutenden Nebensachen 
ängstlich kleben bleiben. Ja, oft gelangen sie gar nicht einmal zu dem, 
was anfänglich ihr Auge gereizt hatte. Das Kunstwerk selbst ist aber nun 
erst recht aus seiner Absicht hinausgerückt.  Holbein und Raphael 
malten nicht einmal Portraits ganz nach dem Leben. Gerade desshalb sind 
ihre Bildnisse so eminent lebendig und ganz in der Erscheinung, zugleich 
aber so ideal schöne Kunstwerke geworden.
        

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