Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Studien zur Geschichte der Oelfarbentechnik
Person:
Cremer, Franz Gerhard
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1838905
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1841357
214 
Werke des Mannes, der ihm nur durch den Ruf bekannt war, 
kennen zu lernen, schiffte dahin und begab sich sogleich nach 
der Werkstätte. Er selbst war abwesend, aber eine alte Frau 
bewachte eine an einem Gestelle angebrachte Tafel von be- 
deutender Grösse; sie antwortete, Protogenes sei ausgegangen, 
und fragte, wen sie als Besucher desselben nennen solle; "diesen", 
erwiederte Apelles, ergriff einen Pinsel und zog mit Farbe eine 
Linie von der höchsten Zartheit über die Tafel; als Protogenes 
zurückkehrte, meldete ihm die Alte, was vorgefallen war. Der 
Künstler, erzählt man, habe sogleich, als er die Feinheit der 
Linie betrachtete, gesagt, Apelles sei da, denn einem Andern 
könne man ein so Vollendetes Werk nicht zutrauen, sodann 
selbst mit einer andern Farbe eine noch zartere Linie in jener 
ersten gezogen und beim Hinweggehen den Auftrag gegeben, 
wenn jener wiederkäme, so solle sie ihm dieselbe zeigen und 
hinzufügen, dieser sei der, welchen er suche. So geschah es 
denn auch; Apelles kehrte zurück und, beschämt, übertroffen 
worden zu sein, durchschnitt er mit einer dritten Farbe die 
Linien, so dass er für etwas noch Feineres keine Stelle liess. 
Protogenes aber bekannte sich besiegt, überwunden und eilte 
nach dem Hafen, um seinen Gast aufzusuchen; auch beliebte 
man, die Tafel so der Nachwelt zu über-liefern, ein Wunderwerk 
für Alle, hauptsächlich aber für KünstlerÄ)  Eine solche 
Fertigkeit in der Pinselführung ist zunächst für die damals 
gebräuchliche Ausführung der Gemälde bezeichnend, und eben 
deshalb für uns zu wissen wichtig; von allen sonstigen Gründen 
abgesehen, sichert sie allein schon das pietätvollste Beginnen 
und die gleiche Durchführung des Werkes bis zum Schlusse. 
Sie setzt dabei selbstverständlich die grösstrlenkbare Vollkommen- 
heit in der Beschaffenheit der benöthigten Ausführungsmittelz) 
1) Plinius sagt weiter (V. 21): „Ich höre, dass sie durch den 
ersten Brand des Hauses Cäsars (Sueton. Octav. c, 57) auf dem Palatin 
verzehrt wurde; vorher war sie für uns zu sehen und enthielt weit und 
breit nichts Anderes, als drei Linien, welche dem Auge entgingen; 
unter den ausgezeichneten Werken vieler Andern glich sie einem leeren 
Raume, lockte aber gerade dadurch an und war berühmter, als jedes 
andere Werk." 
2) Philostratus Iconum lib. II in Pindaro. „Ich glaube auch die 
so fein gemalten Bienen sind ein Wunder; der in das Auge fallende 
Stachel, die Füssc, die Flügel, die Farbe des Kleides, alles ist in der 
angemcssensten Ordnung, und von der Malerei, der Natur gleich ge- 
bildet." 
Philostr. Iconum lib. II in Pasiphae. "Die Liebesgötter   .   
übersteigen in Absicht des Pinsels und der Farben alle Vorstellung 
und Kunst."
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.