Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Seele und das Kunstwerk
Person:
Lichtwark, Alfred
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1837895
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1838661
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Begabung und Leistung getrennt betrachten und 
bei der Einschätzung der Leistung dem deutschen 
Künstler zu gute halten müssen, dass er unter den 
ungünstigsten Umständen zu schaffen gezwungen war. 
Seine Erziehung pflegte so spät einzusetzen, als 
wenn ein Klaviervirtuose mit dem Beginn der Aus- 
bildung bis zum Eintritt in das zwanzigste Lebens- 
jahr warten wollte. Sie war staatlich geregelt, ihr 
Zugang stand allen offen. Es gab seit dem zweiten 
Drittel des jahrhunderts unendlich viel mehr Künstler, 
als das Leben brauchte. Die alten Mächte, die die 
Kunst getragen hatten, waren verschwunden oder 
in ihrem Kern verwandelt. Fürst und Äristokratie 
waren vom Schauplatz zurückgetreten, die Kirche 
hatte sich der lebenden Kunst abgewandt und_ 
pflegte ausschliesslich archaisierende Tendenzen. 
Der Staat, der an die Stelle des Fürsten getreten 
war, förderte Kunst durch des Organ der unpersön- 
lichen Kommissionen, deren Beschlüsse dem Genius 
nicht günstig sein konnten. Die Bourgeoisie war 
künstlerisch vollständig ungebildet. Sie und die 
Organe des Staates begünstigten in der Kunst, was 
sie begreifen konnten, also nur zufällig einmal, was 
sich über den Durchschnitt erhob. Seit der Mitte des 
jahrhunderts wuchs zu ungeheurer Macht der Kunst- 
handel, den seine geschäftlichen Interessen zunächst 
zur Begünstigung des leicht absetzbaren Mittelgutes 
führten und der erst spät in der Aufsuchung der 
Verkannten ein Spekulationsgebiet entdeckte. Zu 
derselben Zeit erhob sich, von Jahrzehnt zu Jahr-
        

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