Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Veit, Ph. - Vouet
Person:
Nagler, Georg Kaspar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1819458
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1821028
Vernet , 
Horace. 
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serer Schärfe ins Leben, und die Figuren, sowohl aus der Plmn. 
tasie geschaffen, als dem lebenden IYIodelle entnommen, erschei- 
nen in ihrem individuellen Charakter. Auch das Costüm ist mit 
einer Gewissenhaitigkeit behandelt, wie bei keinem seiner Vor. 
gänger. Die AuFfass-unrr war aber von jeher mehr eine vollisthiim- 
liche, als conventionell) historische, und weil er alle Idealitiit ver- 
schmähte, bloss dem Charalatcristischen und dem malerischen Ef- 
fekte liuldigte, wollten ihn die Critihcr nach dem alten lYlassstxtbe 
auch nicht mehr als Historienmaler gelten lassen, was aber der 
geniale, nach Leben und Wahrheit strebende Meister leicht er- 
tragen konnte, da selbst seine Gegner behaupteten, dass exninente 
Vorzüge alle Mängel decken. Vernefs romantische Richtung drang 
mit Riesensehritten durch, und die einst vergütterten Heruen der 
Kaiserzeit mussten die bittcrste Critik erfahren, so dass Baron Gros, 
der berühmteste unter den jüngeren Trägern der altenSchule, 
sich aus verletzten: Ehrgefühl sogar den Tod gab, und mit ilnn 
ging die ganze Generation zu Grabe. Den älteren Meistern war 
die Form über Alles, diese dem Begriffe einer abstrakten Schön- 
heit nahe zu bringen, das Hauptziel; die Meister der neuen Hinh- 
tung opferten das Einzelne dem Ganzen, und verwendeten Alles 
auf die Darstellung des prägnanten Moments, um das Gefühl zu 
ergreiten und den Beschauer hinzureissen. Die stylistische Be- 
handlung, das Streben nach gesuchter Grazie, und das strenge 
Abzirkeln der früheren Schule konnte nicht mehr berücksiehtiget 
werden, da in der Richtung des freien Naturwirkens die Zeich- 
nung kühner, individueller, charalitervoller, wenn auch nicht im- 
mer edler wurde. DrIit der inneren Ansicht änderte sich auch die 
Technik. Die durchsichtige, verschmolzene, oft porzcllanglatte 
Arbeit eines Guerin und Görard machte bei Vernet und seinen 
Gleichgesinnten einer wahreren, obgleich minder transparenten 
Färbung, einem pastosen, unvertriebenen Auftrage Platz. Genaue 
Zeichnungen und Cartons auszuführen fand man nicht mehr noth- 
wendig; Männer von solcher Bravour des Pinsels, wie Vernet und 
Delaroche malten nach blossen Farbcnskizzen, ja sogar ohne sol- 
che, und häufig auch ohne Modelle, woraus sich die ansseror- 
deutliche Anzahl von Bildern erklärt, welche Vernet hingezaubert 
hat. Dafür haben diejenigen, welche den originellsten französi- 
schen Meister nicht fassen konnten, und glaubten, dass man un- 
bekümmert um Schule und herrschenden Geschmack auf dem VVegc 
der Natur kein Histuriennialer werden könne, vor ihm als einem 
verführerischen Beispiele gewarnt, und gar über die leichtsinnige 
Verwendung eminenter Kräfte geseutzt.    
Es gibt indessen wenige Iiunstler, die nicht bloss in Frank. 
reich, sondern in ganz Europa so populär sind, als Horace Ver. 
net. Er hat seit dreissig Jahren den glänzendsten Platz inne, we]. 
chen er sich mit einer Leichtigkeit und nut einem Glücke geebnet; 
hatte, wie kein anderer französischer Meister. Vergebens hat die 
Critik die schwachen Seiten dieses Mannes angegriden, oder viel- 
mehr der hiipfenden, ächt französischen Leichtigkeit einer reich be- 
gabten liünstlernatur eine ernstere Richtung geben wollen; sie war 
nicht im Stande die Gunst des Publikums wankend zu machen, 
selbst die Iilügler fanden sich von diesen glänzenden Eigen- 
schaften unwiederstehlich angezogen , und sie mussten bekennen, 
dass das Meisterwerk von gestern das Meisterwerk von heute über- 
treffe. Seine Hervorbringungen bezeugen noch immer die uner- 
schöpfliche Jugendkraft seines Talentes, und er bleibt der belieb- 
teste und am allgemeinsten verstandene Iiünstlcr. Fern von kalter 
wissenschaftlichen Calculatiun ist ihm keine Seite des Lebens fremd, 
Naglerß Künstler-Lax. Bd. XX. 10
        

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