Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Keyser - Lodewyck
Person:
Nagler, Georg Kaspar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1743018
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1743174
Kieslling, 
Leopold. 
Allein seine Vorliebe zur eigentlichen Bildhauerkunst, die sich 
mehr mit Figuren beschäftigt, griff nach und nach so weit, das; 
er nicht blos zwei Stunden, sondern ganze Tage und Wochen in 
dem akademischen Museo verweilte, wo er, von keinem vermögen- 
den Gönner unterstützt, die grossen Meisterwerke der Alten mit 
noch griisserer Aufmerksamkeit studirte und nachzeichnete, um sie 
dann in den häuslichen Nebenstunden abzuformen. Manches Urbild 
der Akademie, blos in dem Vorstellungsvermögen aufgefasst, ward 
zu Hause aus dem Gedächtnisse nachgezeichnet, abgeformt, und 
das so vollendete Nachbild erst dann mit dem Urbilde sorgfältig 
verglichen. wenn er jenes mit seinem Ideale übereinstimmend fand. 
Die Vergleichung eines solchen Nachbildes mit dem Urmuster, von 
dem er es im Geiste gleichsam abgcprägt hatte, war für ihn die 
belehrendste Schule, und für seine Einbildungskraft später die 
reichhaltigste Quelle von eigenen originellen Ideen. Zwei Jahre 
setzte er bei dem genannten Biedcrmanne dieses praktische Studium, 
dem Scheine nach, als Nebensache fort, bis nämlich der rührnlich 
bekannte Prof. M. Fischer, der an seiner ausserordentlichen Betrieb- 
samkeit ein grosses Genie ahnete, den gänzlichen Uebertritt von 
der Verzierungsbildhauerei zu der Figurenbildhauerkunst veranlasste, 
Kiesling glaubte nun den Grund zu seinem Glücke gelegt zu haben. 
ungeachtet der Uebertritt in das Studium Fischer's seinen vorigen 
Arbeitslohn um die Hälfte verminderte. Dieser Verminderungin sei- 
ner vertniigenslosen Lage und dem so kostspieligen Privatfleisse, 
für dessen Fruchtgenuss -er alle Vergnügungen und nicht selten 
Speise und Trank entbehrte, ist es zuzuschreiben, dass er. einmal 
zur Rettung seiner Lebensfrist einem sogenannten Freunde für 
vierzehn dargeliehene Gulden durch ein ganzes Jahr monatlich 
zwei Gulden Interesse und darauf auch das Kapital zahlte; ein 
anderes Mal aber (und zwar nachdem er für den in halber Lebens- 
grösse nachgeformten Germanikus den GundeVsehen Stiftungspreis 
von 24 Gulden empfangen hatte) ihn bei dem feierlichen Austritte 
aus dem akademischen Bathssaale  noch unter der Thüre seine 
Gläubiger empfingen, die, ungehalten, dass der Stiftungspreis nicht: 
die Schuldsumme -ausglich, einstweilen mit den 24 Gulden abzogen. 
Weit entfernt, durch eine so sonderbare Ueherraschuug missmuthig 
gemacht zu werden, sporntc sie den Künstler vielmehr zur neuen 
hätigkeit, und er genoss dafür bald das Vergnugen, manches 
Modell, an welchem andere weniger Geübte mehrere Wochen 
kiinstelten, von seiner Hand binnen einigen Tagen vollendet zu 
sehen. Diess sichtbare, ununterbrochene Streben zur höheren 
liunstvollkommenheit, das auch seinen sittlich guten Charakter 
veredelte, und die oftmalige Aeusserung des Prof. Fischer: "Vvenu 
I-iiesling nicht ein exacter Bildhauer wird, so wird es keiner," 
konnte den übrigen Professoren nicht unbemerkt bleiben; sie em- 
pfahlen ihn alle ihrem Curator, dem Grafen Ph. Cobenzl, einem 
als Iiunsthenner und Dlenschcnfreund gleich schätzenswerthen 
Manne: Iiaum hatte der Edle Bieslingä vortreffliche Fortschritte 
und vielleicht auch seine Diirftigkeit wahrgenommen, als er ihn 
zu sich beschied und durchiLobeserhebungen, denen er das 
Versprechen, ihn zu unterstützen, beigesellte, ieflßn Funken in 
seinem Talente zur hellen Flamme anfachte. Von Zeit zu Zeit 
zeigte ihm Iiiesling die Früchte seiner Bemühungen, welche der. 
selbe jedesmal mit besonderem Wohlgefallen krönte; da aber die 
Unterstiitzuugverziigert wurde, und Iliicsling  auf das zwar un- 
bestimmte Versprechen  seine noch immer missliche Lage durch 
Geldaufnehmen verbessern zu dürfen glaubte, Ward er endlich ge- 
nöthiget, das Wort des meuschenfreundlichen Protektor-s in Erinne-
        

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