Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Gallimberti - Haslöhl
Person:
Nagler, Georg Kaspar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1737136
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1739176
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Giotto 
di 
Bondone. 
wegnng der in Massen zusammengehaltenen Falten entbehren; sie 
sind ganz Handlung und in den Ziigen spiegelt sich der innere 
Zustand, obgleich sie mehr zu handeln scheinen, als durch Mie- 
nen, Gesinnungcn und Gefühle sich zu äussern. Indessen erreicht 
Giotto in diesen Ybrziigen seine späteren grossen Nachfolger nicht, 
und das überschwengliche Lob, welches man dem Giotto in Be- 
treii der Natürlichkeit und der ungezwungenen Bewegung gegeben 
hat, ist poetische Ergiessuiig uncliEnthusiasmus für den Einen, wäh- 
rend nian die Vorzüge anderer alter Iiiinstler nicht hervorhob. Ei- 
nige VVerke des Cimabue und des Duccio haben gleiche Verdienste, 
und die Pisaner Niccola und Giovanni wussten auch ihren Gebil- 
den Bewegung, Natürlichkeit und Ausdruck zu verleihen, wie Giotto. 
In diesem Meister hat sich dasLobiiberhaupt erschöpft, und er sollte 
alle Vorzüge in sich vereinigen. Vasari hält ihn für den einzigen. 
der, nach seiner Weise zu sprechen, in jener ungeschickten Zeit 
zeichnen konnte, ohne zu bedenken, dass der ältere Cimabue in 
seiner Madonna von S. Maria Novella in diesem Punkte nicht we- 
niger" Herrliches geleistet. Wie schön ist der Christusknabe-(Abb- 
bei Förster Blatt II.) und wie bewundrnngswiirdig sind. die Händß 
und Fiisse der Engel gezeichnet? Nachdem, was wir von Giotto in 
mehreren Schriften lesen, musste ihm auch das Gefühl iiir-Aiimuth 
in hohem Grade innegewohnt haben, und Lanzi nimmt keinen 
Anstand, ihn den Rafael "seiner Zeit zu nennen. Anmuth herrscht 
in seinen WVerhen nicht, am wenigsten in den Köpfen mit langges 
schlitzten, wenig geöffneten Augenund der langfn Nase; nur seine 
Figuren haben eine gewisse Zierlichkeit und ngezwungenheit in 
der Bewegung, man sucht aber vergebens jene Iiincllichkeit des Aus- 
drucks, das Seelenvolle in den Darstellungen der späteren Meister. 
Seine Werke sind kräftig und nicht ohne Grossartigkeit. Er hat 
seinen Gegenstand gewöhnlich würdig erfasst, nur zuweilen glaubtv 
er sich in Behandlung heiliger Gegenstände über die altiraditio- 
nelle Darstellungsart hinaussetzen zu dürfen. i 
Das Cqstiim älterer heiligerDarstellnngen scheint ihm nicht mehr 
Gegenstand der genauen Beobachtung gewesen zu seyn, wie denß 
bei seiner dramatischen Richtung die byzantinische Weise noth- 
"wendig Modiiicationen erleiden musste. Giotto scheint aber zu 
Lebzeiten desswegeu weniger getadelt worden zu seyn, wie dieseß 
"in neuerer Zeit geschehen, wo man ihn einer frevelhaften, da! 
Heilige antastenden Neuerung beschuldigte. Man kann zwar das 
ungernessene Lob nicht theilen, welches diesem Meister bei elegt 
wird, da er nicht jene Vollkommenheiten in sich" trägt, welcläe 1.11 
solchem Iiuhme berechtigen. Doch sind seine Verdienste bedeutend 
und mit ihm beginnt die erste Epoche. der Entwicklung der italie- 
nischen Kunst. Diese war zwar schon vor Giotto im Besitze un- 
gewöhnlicher _I'iräite'_ und" Fertigkeiten, die vielleicht auch dieser 
gepriesene Me1ster nicht uberbot; er aber erweiterte den Kreis der 
arstellung, da er den Gedanken verschiedenartin bildlich zll 
fassen lehrte, und den Stoff bezeichnete, welcher-n sich in einer 
Zeit darbot, welche sich der göttlichen Comödie eines Dante rühmt 
und in welcher die Erscheinung des heil. Franz dem Iiiinstler ein 
reiches Feld öffnete, nach dessen Vorbilde er sich andere schuf, 
Den Reiclithum seines eigenen Geistes zeigen die zahlreichen 
Werke ,__welche er schuf; aber viele sind untergegangen und andere 
werden ihm mit Unrecht beigelegt; vielleicht sind gerade die voll- 
hommenstenhicht mehr auf unsere Zeit gekommen. Dass es ihm 
zu Zeiten wirklich gelang, die Natur täuschend nachzuahmen. be" 
wciset auch der Umstand, dass Michel Angela von einem seiner 

        

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