Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Cleomenes - Dumesnil
Person:
Nagler, Georg Kaspar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1719441
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1720632
Cornelius , 
Peter, 
Bitter 
VOIL 
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den Erlösers ist nicht jener leidenschaftliche Affekt und die hef- 
tige Bewegung, die in Michel-Angelds Darstellung desselben Ge- 
genstandes, obwohl mit bewvunderungssvürdiger Iiraft und uberra- 
sehender Unmittelbarkeit hervortretend, störend auf eine christliche 
Empfindung wirkt. Jede wirkliche  jede andere als nur 
symbolische Handlung ist unverträglich mit der heiligen des Christus, 
welcher zwar an seine Zukunft den Eintritt der vollkommenen Ver- 
geltung knüpft, doch aber zu wiederholten Malen sagt, er sei 
nicht gekommen zum Gerichte, er richte Niemand, sondern wer 
an ihn nicht glaube, der sei eben dadurch, dass er nicht glaube, 
schon gerichtet, und das Wort, das er, der Heiland, zu den Men- 
schen geredet habe sie zu erliisen und selig zu machen, werde die 
Ungläubigen und Uufolgsamen richten am jüngsten Tage. Dieser 
Idee gemiiss darf ihn die milde Ruhe des Geistes, welchem gegeben 
ist alle Gewalt des Himmels und der Erde, nicht verlassen; nur in 
ihr bleibt er der Abglanz des göttlichen VVesens, so dass, wer ihn 
sieht, dem Vater in ihm sieht. Desshalb ist unbedingt die Auffas- 
sung des weltrichtenden Erlösers, wie sie Cornelitis verzog, die 
angelnessenste,  die allein der Erscheinung und Idce des Sohnes 
Gottes würdige. Diese Erscheinung ist zugleich Qßfenbarung der 
ewigen Majestät, und es bedarf daher auch nicht eines besonderen 
Bildes des Vaters, weil der Vater in ihm ist, und vollkom- 
men, wahrhaft bleibend nur in ihm erscheint. Sie ist ferner aber 
auch hinreichend, an und fiir sich selbst die Vorstellung des Ge- 
richtes zu begründen und den Erfolg seiner Xiollzichung herbeizu- 
führen, weil an ihr sich scheiden müssen die G-esinnungen und 
Gedanken der menschlichen Herzen, weil sie selbst, wie lang es 
noch Sünde gibt in der Welt des Vaters, die Kluft ist, welche das 
Gebiet der Sünde von dem Reiche der Gnade und des ewigen Le- 
bcns trennt. Indessen hat es dem denkenden Meister gefallen, 
zwei Momente der Christusidee im YVeltgerichte, das der physischen 
Macht im Vollzug der iiusseril Scheidung, und das des moralischen 
Ernstes, WOClIIPClt die innere Vergeltung des Guten und Bösen in 
dem Beifall und Vorwurf des Gewissens bedingt ist, nach einer bi- 
blischen sowohl als kirchlichen Vorstellung, in zwei besondern 
Gestalten hervortreten zu lassen, welche dasjenige, was in der Per- 
son des Erlösers ideal vereinigt ist und von ihm durch die Iiraft 
geistiger Mittheilungen und Aeusserungen ausgeht, in den beiden 
Richtungen des innern Lebens und der äussern Zustiindeizilr Aus- 
führung bringen. In dem streng blickenden Engel, mit dem geöff- 
neten Lebensbuche vor der Brust, stellte der Meister allegorisch 
das Gewissen dar. Er repriisentirt die innere Seite, ja das innerste 
Wesen, den sittlichen Charakter des Gerichts. Dagegen eoncexi- 
trirt. sich in dem zuunterst gestellten Erzengel der Ausdruck der 
physischen Macht und des iiussern Vollzugs der Vergeltung. Mit 
Recht ist die Darstellung der Macht, die in den heidnischen Re- 
ligionen verwaltete, und auch im alten 'l'cstamente noch eine vor- 
wiegentle Bedeutung, hat, der Idee der Heiligkeit untergeordnet 
und diese beiden durch die Gestalt der Gnade beherrscht und über- 
wacht. Auch ist die ruhige Bewegung des Erzengels in richtiger 
Üebereinstimmung mit der Idee, in deren Auftrag er handelt, und 
verliert dadurch keineswegs am Ausdruck nachhaltiger 'l"hatlsraift; 
dass sie des leidenschaftlichen Charakters einer stürmischen Ileltig- 
keit erinangelt, lässt sie vielmehr an ernster Bedeutung und bleiben- 
der YViirde ewinnen (Iiunstblatt 1855). 
Bei Darsteülungen dieser Art, wenn sie als das Letzte und für 
die Ewigkeit Entscheidende betrachtet werden, streitet auf christli- 
chem Gebiete immer der Dualismus der Idee, dass die Sünde nur
        

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