Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Börner - Cleoetas
Person:
Nagler, Georg Kaspar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1713559
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1715978
Buonarotti , 
Michel  Angele. 
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sem VYei-l-ie alles zeigte, was die Malerkunst aus dem menschli- 
chen horper zu machen vermag, indem keine Stellung und Bewe- 
gung desselben von ihm ausgelassen wird.  
w ln dcii llVIeisterschaft und Vollkommenheit der Ausführung darf 
i im woi iein neuer Bildhauer den Vorrang streitig machen; hin- 
gegen aber haben ältere Iiiinstler, besonders die Pisaner und ihre 
Lcitgenossen, sich strenger, als er, in den eigenthiimlielieii Schran- 
ken der Plastik gehalten. Er strebte in der Seulptur zu sehr nach 
dem Malerischen, obgleich er in einem Schreiben an Varchi (lett. 
pitt. I: 7) sehr treffend bemerkte, dass die Plastik um so schlech- 
ter sei, als sie sich der Malerei annlihere. Dabei tritt er aber der 
Meinung des Varehi bei, der zufolge zwischen der Malerei und 
Seulptur kein Unterschied statt findet. Gewiss ist, dass Nlichel- 
Angele nie Anerkennung der Verschiedenheit dieser beiden Iiiiiiste 
offenbarte, _indem_ in seinen Sculpturen ein nicht minder maleri- 
sches Prinzip als in seinen Gemälden herrscht. 
Er kam mit seinen Bildwerlien fast nie zur Vollendung, denn 
nach seinem Urtheile fehlte er stets in der Darstellung seiner Ideen. 
.etztere gebar er nur, aber das Gehorne selbst lag ihm nicht mehr 
am Herzen, was zugleich die unbändige Gewalt seines Genies cha- 
rakterisiret, das im rohen Entivurfe schon, in der Skizze, Genuss 
und Befriedigung seines Driiiigens gefunden, aber in der Ausfüh- 
rung nicht selten dicßeduld verloren hat, weil die triigere Hand 
der schnelleren Einbilduiigskraft nicht folgen konnte. Hatte er 
einmal dcii Meisscl ergriffen, so hieb er darauf los, wie es der 
Geist ihn gcheissen, je breiter und gewagter, desto lieber, denn 
darin efiel er sich am meisten aber o't hat er sie auci ver- 
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hauen.  Sichtharnst dieses mehrmals an den Armen. Die lVIa- 
donna_ in der Pflnlßfliiilpellß hat den rechten Arin hinter sich auf 
den Sitz gestutzt, als wenn sie sich fcsthielte und ihn so dicht ani 
Leibe, dass man ihn kaum sieht. Dein lVIoses steelii; ein Theil 
der Hand, _W(ZiHgStCYIS ein Paar Finger, iin Bauclie. Selbst der 
Siegesjungling hat den rechten Arm nach der Schulter zurückgeho- 
gen, was ebenfalls v0ii1 Verhauen riilircii iiiag, wenn es nicht eine 
beabsichtigte Schaustellung seyn soll, was bei lYlichel-Jäiigeli) oft 
der Fall ist. Die Feile fiihrte er nicht gerne, weil sie selbst seinem 
ganzen Wesen und Charakter fehlte. . 
Miehel-Angelo wurde, nach der vorherrschenden lYIeinung Sei- 
ner Zeitgenossen, als Baukiinstler nicht minder fiii- einzig und blass"- 
sisch, irie als Nlalei" und Bildhauer gehalten; aber unsere Zeit 
hat daruber mit Recht anders entschieden. Die Architelatur war 
unstreitig seine schwächste Seite, oliugeaehtet er auch in ihr sei- 
nen grossen Geist nicht verliiiignen konnte. Doch ist nach der 
Ansicht der Verfasser der neuesten Beschreibung Ruins (I. 606,) 
in seinen architektonischen VVcrken nicht so sehr ein grossarti-l 
ger Charakter, wie in seinen Nlalereieii und Sculpturen, sondern eher 
fllll plumper und iiberladener Styl das Vorherrschende, Und wenn 
In Geiiialden und Bildhauerarheiten von seiner Hand sich die Aus- 
arfllllg der luinst meistens nur wie noch iin lieiinc verborgen 
Zeigt, Su tritt sie in seinen Gebäuden sehr deutlich und entwickelt 
hervor. Diesnkann nicht gcliiugnet werden; nur wiirde man ihn 
mit Unrecht tiir den Stifter des aiisgearteten Geschmackes der Ar- 
Clllielilllf erklären, da sich derselbe schon auffallend genug in den 
VVerken des San-Galle erkennen lässt, welche aus früherer Zeit, 
FllS die IIICI-fien Gebäude des Michel-Angelo herrühren. In Bezie- 
hung auf diesen Iiiinstlen hat er die itrchitektur viel mehr erhoben, 
als verschlechtert. Er durfte als Baulaiinstler über jenen den Vor-
        

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