Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Börner - Cleoetas
Person:
Nagler, Georg Kaspar
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1713559
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1715775
Buonarotti , 
Nlichel- 
An gelo. 
209 
minder vortrefflich ist die lebendige Begeisterung des Engels, der 
zum Propheten ins Ohr spricht, ausgedrückt. 
Nicht allein die schönste unter den hier vorgestellten Prophetin- 
nen, sondern überhaupt eine der vollkommensten weiblichen Bil- 
dungen der neueren Iiunst ist die delphische Sibyllc, die der 
Künstler als eine Frau in der schönsten Blüthe des Lebens gebil- 
det hat. Der Iiopf derselben, der ideale Schönheit mit dem lebendig- 
sten Ausdruck der Seele vereiniget, ist vorzüglich bewunderungs- 
würdig. Auch ihre Bekleidung ist sowohl durch geschmackvolle 
Anordnung, als durch harmonische Zusammenstellung lebhafter 
Farben ausgezeichnet. 
Auch unter den übrigen Gemälden sind ausgezeichnete Meister- 
werke der Kunst. Der ewige Vater, in der Schöpfung der Sonne 
und des Mondes, schwebend in Begleitung von Engeln dargestellt, 
ist eine majestätische Figur, so wie nicht minder diejenige dessel- 
ben Bildes, welche die kräuterhervorbringende Erde se net. Vor- 
ziigliche Aufmerksamkeit verdienen die schönen fliegenden Gewvän- 
der beider Figuren und ihre meisterhaften Verkürzungen, insbe- 
sondere der ganz aus dem Bilde hervortretende rechte Arm des 
Schöpfers der Sonne und des Mondes. 
Tredlicher konnte vohl der Moment der geisti en Belebung des 
Menschen nicht vorgestellt werden, als MicheF- Angelo in der 
Schöpfung Adam's gethan hat. Gott belebt den Menschen durch 
Berührung der Fingerspitzen, gleichsam durch die elektrischen 
Funken der von ihm ausgehenden Iiraft. Vasari und Condivi, ph- 
gleich Zeitgenossen des Künstlers, haben seine Gedanken hier 
nicht begriffen. Auch die Ausführung dieses Gemäldes ist nicht 
minder bewunderungswürdig, als die Erfindung. Die schwebende 
Figur des ewigen Vaters bildet mit den sie umgebenden Engeln 
eine vortreffliche und majestätische Gruppe. Die Zeichnung des 
Nackten ist durchaus von grosser Vollkommenheit, und mit 
Recht ist insbesondere die Figur Adam's als eine der vollkommen- 
sten nackten Bildungen der neueren liunst betrachtet worden. 
Die Darstellung der Schöpfung des YVeibes zeigt nicht mindere 
Tiefe des Geistes; Adam ist vortrefflich gezeichnet, und die beiden 
Figuren der Eva im Bilde des Sündenfalles und der Vertreibung 
aus dem Paradiese gehören unter die vollkommensten nackten 
weiblichen Bildungen des Michel-Angela, und der neueren Kunst 
überhaupt. Die auf dem Sündenfalle, unter dem verbotenen Baume, 
ist im eigentlichen Sinne reizend zu nennen, was sonst selten von 
den Figuren dieses Künstlers gesagt werden kann. 
Es ist daher die unbedingt ausges rochene Behauptung, dass 
Michel Angela's weibliche und jugenddiiche Figuren dem Charakter 
ihres Geschlechtes und Alters nicht entsprechen, durchaus falsch. 
Im jüngsten Gerichte entbehren die Frauen allerdings der ihnen 
angemessenen Grazie, und die jugendlich sein sollenden Engel 
sind zu männlich. Die Deckenbilder zeigen dagegen die schön- 
sten weiblichen und jugendlichen Bildungen. Freilich müssen auch 
Seine menschlichen Gestalten hinsichtlich der durch Geschlecht und 
Alter nothwendigen Verschiedenheit mit Rücksicht auf das Eigen- 
thllmllßhe der idealen VVelt des Künstlers betrachtet werden. Die 
Kinder auf diesen Deckengemälden sind von der grössten Schönheit, 
vollkommen dem Charakter ihres Alters entsprechend; das letztere 
aber vornehmlich in Bezug auf die Bieseuwelt, in der wir sie er- 
blicken. 
Die Sündfluth ist vielleicht die gelungenste der Compositionen 
des Michel-Angele im Ausdruck der dramatischen Handlung, Worin 
er sonst sich minder glücklich zeigt, als in mehr symbolischen Ge- 
Naglefs Künstler-Lax. II. Bd. 14
        

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