Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Textbuch zu Th. Schreibers kulturhistorischem Bilderatlas des klassischen Altertums
Person:
Bernhardi, Kurt
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1701022
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1702241
Kultus, 
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wurde. Mit einer weniger ausdrucksvollen Haltung der 
Arme als bei dem Gebete, Welches unmittelbar und in 
feierlicher Weise an die Gottheit gerichtet ist, bezeigte 
man seine Andacht einem Götterbilde oder einem Altare. 
In diesem Falle galt als leichteste Form der Verehrung 
die Bewegung der rechten Hand mit geschlossenen 
Fingern nach dem Munde zu, also das Zuwerfen einer 
Kufshand. Der Fromme ging nicht leichtan dem Stand- 
bilde einer Gottheit, an einem heiligen Baume oder sonst 
einem geweihten Gegenstande vorüber, ohne Wenig- 
stens durch einen solchen Grufs seiner Verehrung Aus- 
druck zu geben (14, 3; vgl. 96, z). Eine feierlichere Form 
der Andacht gegenüber einem Götterbilde bestand darin, 
dafs man den einen Oberarm erhob, wobei man die 
Hand mehr oder weniger nach aufsen kehrte und wohl 
auch den Körper ein wenig nach vorn beugte. (Vign. I; 
Taf. 15,6; vgl. 15, 1; 16, 7.) Auch diese Haltung war 
offenbar dem Leben entlehnt, denn wir sehen auf bild- 
lichen Darstellungen dieselbe Gebärde bei Hilfsbedürf- 
tigen, die rnit ehrerbietiger Bitte vor einen weltlichen 
Machthaber hintreten (36, I). 
Das Gebet trägt seiner Natur nach den Charakter 
der Bitte an sich, denn das Gefühl der Hilfsbedürftigkeit 
ist es, welches am häufigsten den Frommen in dieser 
Verehrungsform der Gottheit sich nahen läfst, mag es 
aus der Bedrängnis durch augenblickliche Not oder aus 
dem allgemeinen Bewufstsein der menschlichen Schwäche 
entspringen. Als ein echtes Bittgebet erscheint denn 
auch jenes Mustergebet, welches ein alter Philosoph 
mit folgendem Wortlaute zu halten empfahl: „Zeus unser 
Herr! gieb uns das Gute, ob wir dich darum bitten oder 
nicht; was aber übel ist, das halte von uns fern, auch 
wenn wir dich darum bitten." Dem Gefühle dankbarer 
Verpflichtung für erwiesene Wohlthaten pflegt dagegen
        

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