Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1693056
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Die Kunst "des gothischen 
Styles. 
entschieden, mit ebenso sinnvoller Durchdringung der Aufgabe zu. Es, 
ist hiebei zunächst anzumerken, dass sich die Momente des Uebergangsi 
zwischen romanischer und gothischer Stylform in Deutschland überwiegend 
dem Bereiche der ersteren, dem Romanismus (wo die betreffenden Bei-- 
spiele auch schon angeführt sind,) einreihen, indem bei dem einstweiligen 
Uebergewichte desselben die neuen Richtungen des Formensinnes vorerst 
noch seinem Gesetze untergeordnet bleiben; und dass nur wenige Beispiele 
deutscher Frühgothik zu nennen sind, in denen eigentliche romanische- 
Reminiscenzen nachklingen. 
Es ist das durchgebildete System der nordfranzösischen Gothik des: 
13. Jahrhunderts, welches Deutschland sich nunmehr aneignet. Bedeutende- 
Beispiele setzen die Bestrebungen desselben fort. Doch treten Momente 
besonderer Fassung und Behandlung hinzu. Zunächst allerdings eine- 
Nachwirlmng des Romanismus; denn wenn man auch den Besonderheiten 
in der Ausprägung des letzteren bald durchaus entsagte, so blieb doch. 
Etwas von seiner räumlichen Grundstimmung, von der Festigkeit, welche- 
dem Aufbau seiner Werke zu Grimde gelegen hatte, von der quellendeni 
Kraft seiner Einzelbildungen übrig, das sich unwillkürlich auch auf die 
neue Stylform übertrug. Dann, in Wechselwirkung hiemit, eine besondre 
Weise der Bauführung bei einer namhaften Zahl architektonischer Werke, 
welche durch jene Träger und Vermittler der neuen Zeitrichtungen, durch 
die neugestifteten geistlichen Bettelorden ausgeführt wurden,  in dem: 
System des neuen Styles, aber in einer Zurückfuhrung desselben. auf ein 
schlichtes Maass, auf einfache und strenge Formen, auf entschieden pri- 
mitive Grundzüge. Ein grösserer Grad von Strenge, von gehaltener- 
Energie und zugleich, wo es auf entwickelte Gliederung ankam, von in- 
nerlicher Kraftfülle lässt sich hiemit von vornherein in der deutschen 
Behandlung des gothischen Systems wahrnehmen. Es fehlt nicht an Bei-- 
spielen, welche mit dem excentrischen Höhendrange der französischen 
Gothik wetteifern; aber es wird überwiegend auf eine mehr beruhigte 
Wirkung des Ganzen hingestrebt. Es macht sich endlich eine entschie- 
den abweichende Auffassungsweise, eine Richtung von ausschliesslich 
nationaler Besonderheit geltend. Sie entsagt der sich steigernden Auf-- 
gipfelung der Räumlichkeit, welche die französische Gothik  allerdings 
in der schliesslichen Entfaltung des alten Basilikensystems und allerdings 
in einem Gesetze von strenger Folgerichtigkeit  zur Erscheinung ge- 
bracht hatte; sie bildet das sogenannte „Hallensystem" aus, die- Räume 
des baulichen Inneren zur fest-in sich abgeschlossenen Wirkung in glei- 
chen Höhen bildend. Die Motive hiezu waren in der spätromanischen 
Architektur (in der westphälischen) bereits gegeben; das System findet 
zunächst, diesenVorbildern folgend, in engem Kreisen Verbreitung, macht 
sich aber, schon xuron Anfang an, sporadisch auch in den übrigen Distric- 
ten deutsch gothischer Architektur geltend. 
So erscheint die letztere bereits in der ersten Epoche ihrer Bethäti- 
_gung in lebhafter Mannigfaltigkeit, in wechselvollen Systemen, in ver- 
schiedenartiger Durchbildung, gegen die einheitliche Bestimmtheit der 
nordfranzösischen Gothik allerdings im Nachthcil, dafür aber den indivi- 
duellen Kräften einen freieren Spielraum gewährend.
        

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