Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1697733
504 
VIII. 
Kai" 
Die Kunstbestreblmgen 
der Gegenwart. 
Eine dritte Stufe entwickelte sich als Opposition gegen die einseitige- 
und in dieser Einseitigkeit frostige Auffassungsweise, zu der jene anti- 
kisirende Richtung allerdings häufig genug Veranlassung gab. Im Ge- 
gensatz gegen ein formales Streben solcher Art. wandte man sich der 
Blüthenperiode des romantischen Zeitalters zu; man strebte, sich 
in das tiefere Gemüthsleben jener Zeit zu versenken und von solchem 
Grunde aus zu einer mehr innerlich bedeutsamen künstlerischen Gestalt 
zu gelangen. Es fehlte hier ebenfalls nicht an mancherlei einseitigen 
Leistungen; zugleich blieb diese Richtung auf einen engeren Kreis (zu- 
meist nur auf deutsche Künstler) beschränkt, auch ging sie schneller, 
im Verlauf des zweiten und dritten Jahrzehnts des gegenwärtigen Jahr- 
hunderts, vorüber, doch musste nothwendig ein solches Bestreben die 
wirksamsten Folgen zurücklassen.  In der Architektur ist hier vor- 
nehmlich die Wiederaufnahme des gothischen Baustyles anzuführen. Viel- 
fach verbreitet zeigt sieh dieselbe zunächst in England, wo überhaupt 
zwischen dem Mittelalter und der neueren Zeit keine so scharfe Grenze 
gezogen war, wie in andern Ländern; bei den Gebäuden für weltliche 
Zwecke (die an sich freilich ohnehin eine nur bedingte Anwendung des 
gothischen Styles gestatten) ist derselbe hier häufig mit Glück zur Aus- 
führung gekornmenß In Frankreich sind Lassus und Viollet-le- 
Due begabte Vertreter dieser Richtung, die dort jedoch nicht ohne die 
Beimischung einer mehr polemischen, auf das künstlerische Gebiet über: 
tragenen Tendenz auftritt. In Deutschland sind verschiedene, nicht un- 
bedeutende Monumente gothischen Styles ausgeführt worden, in denen 
aber auf der einen Seite mehr nur eine Aufnahme der Aeusserlichkeiten 
dieses Styles, auf der andern eine Umbildung desselben nach einer mehr 
elassischen Formenweise (die seinem Grundprincip widerspricht) ersicht- 
lich wird. 2 Einzelne deutsche Baumeister haben neuerlich statt dessen 
den romanischen Baustyl in Anwendung gebracht. Am geistvollsten und 
erfolgreichsten ist dies von Eisenlohr in zahlreichen öEentlichen Bauten 
des Grossherzogthums Baden, besonders den Hochbauten der Eisenbahn 
geschehen. Nüchterner, und durch ein Streben nach neuen, abweichen- 
den Formen oft in's Unschöne verfallend zeigt sich Hübsch, der in 
Karlsruhe und an anderen Orten eine umfangreiche Bauthätigkeit ent- 
wickelt hat. 3 Am meisten Einliuss hat nach dieser Seite Fr. von Gärt- 
ner mit seinen zahlreichen Bauten in München geübt, in welchen freilich 
neben einer tüchtigen Gesammtwirkung ein empfindlicher Mangel an 
feinerem und selbst edlerem Sinn für Ausbildung des Einzelnen auffällt. t 
Die Richtung der Gärtnefschen Schule hat sich neuerdings, mit manchen 
erheblichen Aenderungen, die zum Theil sich als günstige Momente lebens- 
fähiger Fortbildung erweisen, besonders in Wien 5 und Hannover ver- 
breitet.  Was in der Sculptur in solcher Richtung geleistet worden, 
hat im Ganzen eine minder hervorstechende Bedeutung erlangt. Un- 
gleich mehr die Arbeiten im Fache der Malerei, und vornehmlich die- 
jenigen, welche auch hier die Auffassungsweise der gothischen Periode, 
C 
1 Denkmäler der Kunst, Taf. 112.  
s Ebenda, Taf, 110.  4 Ebenda, T. 109. 
2 Ebenda, T. 102. 107. 
 5 Ebenda, T. 111. 
109. 
111.
        

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