Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1697704
VIII. 
K11? 
Die 
der Gegenwart. 
Kunstbestrebungen 
501 
rakteristisehe Unterschiede von den Bestrebungen der früheren Epochen 
aufmerksam machen. 
Fürs Erste ist der Antheil, den gegenwärtig die europäischen Völker 
an den künstlerischen Interessen nehmen, zum Theil wesentlich verschie- 
den von den früheren Verhältnissen. Italien, Jahrhunderte hindurch als 
die Herrin und Meisterin im Bereiche des künstlerischen Schaffens aner- 
kannt, erscheint von jener beneidenswerthen Höhe tief herabgesunken, 
und nur vereinzelte Erscheinungen treten uns hier noch als der Nachhall 
einer glücklicheren Vergangenheit entgegen. Zuerst von jenem Geiste des 
neuen Zeitalters freudig angehaucht, dann ihn mit Gewalt vernichtend, 
hatte Italien mit ihm auch den Keim eines neuen Lebens von sich ge- 
stossen, und das alte schien ohnmächtig und keiner Erneuung mehr fähig 
dahinzuwelken. Ob und welche Erneuung im Gefolge der jüngsten ge- 
waltigen Erhebung des nationalen Geistes hier statt finden wird, wissen 
wir noch nicht. Dasselbe war der Fall mit Spanien; doch bietet auch 
hier die jüngste Zeit das Schauspiel einer stürmischen Regeneration dar, 
deren Früchte aber freilich ebenfalls erst von der Zukunft zu erwarten 
sind. Frankreich und Deutschland dagegen erscheinen als die beiden 
Mächte, denen vorzugsweise das neue Kunstleben angehört; glänzender, 
mehr in die Sinne fallend, zum Theil auch mehr umfassend, hat sich 
dasselbe in Frankreich entfaltet; stiller und schlichter, aber auch mit 
tieferem und reinerem Gefühle erfasst, in Deutschland. Belgien schliesst 
sich, mit offenem Blick für die ältere nationale Kunstweise, vorzugsweise 
an Frankreich an; Holland hat die Bahn der Vorfahren nicht ohne Glück 
aufs Neue eingeschlagen. In England sind mancherlei künstlerische 
Kräfte, zum Theil von namhafter und eigenthümlieher Bedeutung hervor- 
getreten, ohne_ dass die dortige Thätigkeit im Ganzen jedoch mit der von 
Frankreich und Deutschland zu vergleichen wäre. Noch weniger gilt dies 
von dem Kunst-Streben, welches in den skandinavischen und slavischen 
Ländern erwacht ist, obgleich auch aus ihnen künstlerische Erscheinun- 
gen, einzelne sogar von höchster Bedeutung, hervorgegangen sind. 
Sodann sind wir wenigstens soweit von dem ersten Beginn des neuen 
Aufschwunges der Kunst entfernt, dass wir, auch in ihm bereits einige 
besondere Stufen der Entwickelung unterscheiden können. Wir finden in 
der Aufeinanderfolge dieser Stufen eine gewisse innere Nothwendigkeit, 
die uns nicht minder, wie die einzelnen Meisterwerke in ihrer abgeschlos- 
senen Bedeutung, zu einer Bürgschaft für die selbständige Gültigkeit der 
s gegenwärtigen Epoche dienen darf.  
Als die erste Stufe dieses Entwickelungsganges haben wir, wie es 
scheint, gewisse, ob auch zum Theil vereinzelte Bestrebungen zu betrach- 
ten, die vorzugsweise noch dem 18. Jahrhundert, etwa schon der Zeit 
seit der Mitte desselben, angehören. Es sind solche, in denen sich das 
Princip einer einfachen und völlig unbefangenen Natürlichkeit, und 
hierin eine sehr glückliche Gegenwirkung gegen das manierirt conventio- 
nelle Wesen, welches bis dahin vorherrschend war, ausspricht. Diese 
Bestrebungen finden sich vornehmlich in Deutschland; als ihr Hauptsitz 
erscheint Berlin. Für das Fach der Malerei mögen in diesem Betracht 
die kleinen radirten Blätter von D. Chodowiecki (1726-1801), deren
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.