Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1697319
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Die 
ld. Kunst d. 
Jahrh. 
Historienmalerei. 
Elementen der Zeit, der seine Bildung noch angehört, bestrebte er sich 
doch, eine grössere Tiefe der Empfindung, sowohl in zarteren, als in 
aifektvoll bewegten Darstellungen zum Ausdrucke zu bringen, indem er 
sich zugleich jenem weichen und warmen Schmelz der Farbe, wie der- 
selbe in den Werken des Corrcggio und Andrea del Sarto vorgebihlet 
war, zuwandte, der freilich bei ihm meist unwahr und geschminkt er- 
scheint. Sein Hauptbild ist eine Kreuzabnahme im Dome von Perugia. 
 Seine Richtung fand einen Nachahmer an dem bereits oben S. 439 
genannten Sieneser Francesco Vanni, sodann eine sehr umfassende 
Nachfolge in Florenz, nachdem man hier der flachen Nachahmung des 
Michelangelo müde geworden war. Zunächst schloss sich ihm Lodovico 
Cardi da Oigoli (1559-1663) nebst vielen Schülern an; sodann, mit 
vorzüglichem Glück, Cristofano Allori (1577-1621), der in seinem 
Bilde der Judith (in der Gal. Pitti) eins der bedeutsamsten und geistvoll- 
sten YVerke des 1T. Jahrhunderts lieferte.  Abweichend und mehr dem 
Domenichino verwandt, erscheint der Florentincr Matteo Rosselli (1578 
bis 1650), dessen Triumph des David (Gal. Pitti) ebenfalls zu den an- 
ziehendsten Leistungen der Zeit gehört. Unter den zahlreichen Schülern 
dieses Künstlers folgten jedoch viele jener weicheren Richtung, nament- 
lieh Carlo Dolci (1616-1686), der dieselbe bis zur grössten Zartheit 
und höchstem Schmelz der Farbenbehanrlhmg, zum Theil aber auch bis 
auf die äusserste Spitze der Sentimentalität zu steigern wusste.  Hie- 
her gehört endlich noch der Pisaner Orazio Lomi, gen. Gentileschi 
(1563-1646) und seine ihm gleichkommende Tochter Artemisia, welche 
vor den krassesten Gegenständen, einer Judith, die dem Holofernes das 
Haupt abschneidet (Ufflzien zu Florenz) nicht zurückschreckt. Beiden 
ist, bei geringer Wahl in den Formen und unedler Zeichnung, eine unge- 
wöhnlich blühende und schmelzende Färbung eigen. 
In der einseitig naturalistischen Richtung trat zuerst Michelangelo 
Amerighi da Caravaggio (1569-1609) dem Streben der Eklektiker 
entgegen. Er bildete sich zunächst nach den Venetianern, besonders 
nach dem Vorbilde Giorgionds, und in seinen früheren YVerken, wie in 
der köstlichen Lautenspielerin der Galerie Liechtenstein zu Wien, und 
selbst noch in dem berühmten Bilde der falschen Spieler im Pal. Sciarm 
zu Rom (eine andre Compositien desselben Gegenstandes in der Galerie 
zu Dresden) erreicht er die besten Venetianer in goldner Wärme und 
Klarheit des Tons. In seinen späteren Bildern waltet durchaus jener 
Ungestüm der Leidenschaft, die sich unter den geistigen Kämpfen der 
Zeit 91156888112 hatte. Solcher Stimmung des Gcmüthes konnte nur die 
gemöllle Natur zum Ausdrucke dienen; Caravuggio fasst dieselbe wie in 
einem glänzenden Spiegelbilde auf; mit einer kräftigen Färbung, mit 
scharfen, grellen Lichtern und dunkeln Schatten giebt er seinen Gebilden 
eine ergreifende, niederschmetternde Existenz; damit aber weiss er eine 
gewisse Gemessenheit der Bewegungen, ein fast tragisches Pathos zu ver- 
binden, dass sie dennoch, bei aller Unmittelbarkeit der Auffassung, über 
den Gebilden des Lebens erhoben scheinen. Von der idealeren Sinnes-
        

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