Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1696477
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Die nord. K. 
Jahrh. 
Malerei. 
-eine bestimmte Neigung in dem deutschen Volkscharakter; wie wir bei 
den Italienern schon im romantischen Zeitalter eine Neigung zur Plastik 
der Antike durchblicken sehen, so finden wir gleichzeitig jenes Element 
im Norden, wo es besonders in den Ornamenten der reichgestaltigen go- 
thischen Architektur mehr oder weniger deutlich hervortritt. Ungleich 
bestimmter und folgenreicher jedoch erscheint dasselbe in der gegenwär- 
tigen, Periode. Indem jetzt die Speculation und die künstlerisch unmit- 
telbare Anschauung mehr und mehr auseinandergehen, entsteht gewis- 
sermaassen ein neutraler Zwischenraum, in den nunmehr die entfesselte 
Phantasie, ihn mit ihren willkürlich spielenden Gebilden bevölkernd, ein- 
dringt; oft erscheinen diese Gebilde in seltsam ungeheuerlichen Weisen, 
oft aber auch, zumal in der späteren Zeit, gestalten sie sich zum an- 
ziehenden, gedankenvollen Mährchen. Und wie durch jenes Licht des 
geistigen Bewusstseins die Ohnmacht und die Verkehrtheit der körper- 
lichen Existenz und ihrer bunten Interessen offenbar ward, so erzeugte 
sich gleichzeitig- ein verneinender Humor, der diese Widersprüche, bald 
in neckendem Spiele bald mit verzehrender dämonischer Gewalt, anschau- 
lich zu machen wusste. Gewöhnlich gehen hier Phantasie und Humor 
Hand in Hand; oft werfen sie nur über die, durch anderweitige Bestim- 
mung gegebenen Darstellungen ein seltsames Streiflicht, oft auch erschei- 
nen die Darstellungen als ihr selbständiges Erzcugniss. Die grossartigsten 
und bedeutendsten Erzeugnisse dieser Art sind die sogenannten Todten- 
tänze, in denen mit schauerlicher Lust vorgestellt wird, wie der Tod, 
-eine abenteuerliche Knochengestalt, alle Geschlechter und Alter der Men- 
sehen, in der Freude und Blüthe ihres Daseins, mit sich fortzieht. 1 
In der Betrachtung der bildenden Kunst des Nordens lassen wir für 
diese Periode die Malerei der Sculptur vorangehen, eines Theils, weil uns 
jene, soweit unsere bisherigen Kenntnisse reichen, hier zunächst als die- 
jenige Kunst erscheint, welche die neue Zeitrichtung begründet; sodann, 
weil hier überhaupt das plastisch bestimmende Gesetz der Antike fehlt. 
erei. 
Mal 
niederländischen Schulen. 
Die 
In der niederländischen Malerei, 2 und zwar in der Schule von Flan- 
dernf tritt uns die moderne Richtung der Kunst zuerst und in sehr 
bestimmter Eigenthümlichkeit entgegen. Hier hatte sich bereits am 
Schlusse der gothischen Periode, wie wir vornehmlich aus den Arbeiten 
1 Eine umfassende Monographie über die Todtentänze, von W. Wackernagel, 
findet sich in dem Werke: Basel im 14. Jahrh. (Daselbst 18516).  2 Vergl. J. 
D. Passavant, Beiträge zur Kenntniss der altniederländischen Malerschulen des 
15. und 16. Jahrhunderts, im Kunstblatt, 1841, N0. 3-13, und 1843, N0. 54-63. 
Sodann Waageifs ßliaehträge" etc., im Kunstblatt, 1847, N0. 41, H. und Des- 
selben neuere Mlttheilungen, deutsches Kunstbl. 18.31, S. 236 3-, 1354, S. 57 u. f. 
153 u_ E.  Hoth 0, die Malerschulen des Hubert und J0hnnn_ van Eyek,  
Cavalcaselle u. Crow0,_ the early flemish painters.  Wichtige Nachrichten 
und Untersuchungen auch 1m Catalogue du Musee d'Anvers. 2. Edit. 1857.  
3 Denkmäler der Kunst, T. 81.
        

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