Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1696461
Allgemeine Bemerkungen. 
377 
und ebenso finden wir in der Frühzeit des 16. Jahrhunderts einzelne 
deutsche Arbeiten, die sich, freilich Ausnahmen unter dem, was im All- 
gemeinen geleistet ward, aus der nationalen Richtung, in ihrer völlig 
unabhängigen Eigenthümlichkeit, zu einer hohen und gediegenen Vollen- 
dung entfalten. Dass die nordische Kunst hinter der italienischen zurück- 
blieb, beruht, mehr als auf dem Mangel jenes einen Förderungsmittels, 
auf den allgemeineren, das gesammte Leben umfassenden culturhistori- 
schen Verhältnissen. Im Norden  d. h. zunächst bei den Völkern 
deutscher Zunge  drang jene neue geistige Entwickelung, welche mit 
dem 15. Jahrhundert begann, ungleich tiefer bis in das innerste Mark 
des Lebens; sie ward zum Keime "eines wesentlich neuen und freieren 
Daseins, welches sich zunächst in der kirchlichen Reformation offenkundig 
geltend machen sollte und welches wiederum eine reich gestaltete Zukunft. 
verhiess. Sie musste somit, auf der einen Seite, hemmend, besehränkend 
und selbst unterdrückend auf die alten Lebensinteressen wirken; und 
eben so wenig konnte sie sich, auf der andern Seite, gleich von vorn- 
herein in bedeutsamer künstlerischen Production äussern. Sie musste 
nothwendig den Geist zuvor auf das abstracte Gebiet der Speculation 
führen, solcher Gestalt gewissermassen die Grenzen des neu gewonnenen 
Reiches auszustecken, ehe sie sich, mit irnbefangener Lust, dem für Ge- 
müth und Sinne erfreulichen Ausbau desselben hingeben konnte. Wenn 
man eine kleinere Phase in der Entwickelung des menschlichen Geschlech-- 
tes mit einer grossen vergleichen darf, so kann man diese neuen Verhält- 
nisse zwischen dem gesteigerten geistigen Bewusstsein und der künstleri- 
schen Production denjenigen Erscheinungen zur Seite stellen, welche das 
erste Auftreten des Christenthums mit sich führte; und leider sollte auch 
hier die neue Kraft, welche in die Welt eingetreten war, erst durch ver- 
heerende Stürme erprobt werden. 
Die nordische Kunst bleibt demnach, was die in Rede stehende Periode 
anbetrifft, im Allgemeinen auf derselben Stufe der Entwickelung stehen, 
in welcher sie bereits mit dem Beginn derselben auftritt; die einzelnen 
Unterschiede, die wir in den Schulen der verschiedenen Gegenden und 
in dem Wechsel der Jahrzehnte bemerken, sind nicht so bedeutend, dass. 
wir in diesen eine völlig neue Stufe der Entwickelung wahrnehmen könn- 
ten. Gegen den Schluss der Periode, d. h. namentlich im zweiten Vier- 
tel des 16. Jahrhunderts, tritt allerdings ein abweichendes Verhältniss 
ein; man wird nunmehr auf, die formale Ausbildung, welche die jtahe- 
nische Kunst erreicht hatte, aufmerksam und man lässt es sich angelcgen 
sein, dieselbe mit der heimischen Darstellungsweise zu verschmelzen. 
Doch begreift man im Wesentlichen (was sich durch das yorher Gesagte 
zur Genüge erklärt) nur diese formale Seite der Ausbildung, nicht die 
inneren Gründe, aus denen dieselbe hervorgegangen war; es ist dies aISO 
zumeist nur eine äussere Annäherung an die Erscheinungen der itnlieni- 
schen Kunst. 
Dabei aber ist zu bemerken, dass sich in der nordischen, und beson- 
ders in der eigentlich deutschen Kunst, im weiteren Vgl-lauf der in Rede- 
stehenden Periode zugleich ein ganz besonderes Element geltend milchi- 
Es ist das Phantastisch-Humoristische. Wir erkennen dazu überhaupt
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.