Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1696426
Die Meister der venetianisohen Schule. 
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des Meisters); u. a. m. Auch gehört hieher eine Reihe von Bildern, in 
denen Tizian, ohne die Entwickelung einer besondern Handlung, nur die 
einfache Schönheit des nackten weiblichen Körpers zum Gegenstande 
seiner Darstellung genommen hat; dergleichen, zumeist als Venus, Danae 
oder dergl. benannt, kommen mehrfach vor. (Zwei vorzüglich bedeutende 
Bilder dieser Art in der Tribuna des Museums in Florenz, von denen 
das eine indess schon auf die Schaustellung schöner Glieder berechnet 
ist.)  Auch die kirchlichen Bilder Tizians spiegeln grossentheils jene 
hohe, der Antike verwandte Ruhe des Daseins wieder. S0 verschiedene 
grössere Altartafeln der Madonna mit Heiligen und mit Anbetendcn (in 
venezianischen Kirchen  die schönste in S. Maria de' Frari  und 
in der Galerie von Dresden); so noch deutlicher die kleineren Bilder 
ähnlicher Art, welche die heiligen Gestalten nur als Halbiiguren und in 
ungezwungener Verbindung vorführen und welche von den Italienern, 
charakteristisch, als „heilige Oonversazionen" benannt werden; andre 
wieder, die in reicher Landschaft die heilige Familie mehr in idyllischer 
Stimmung vorführen, wie die köstliche „Vierge au lapin" im L ouvre, und 
die kleine heilige Familie im Belvedere zu Wien; (diese beiden Samm- 
lungen sind überhauptreich an trefflichen Werken des Meisters.) S0 auch 
einzelne Werke, welche ein mehr feierlich erregtes Gefühl zum Aus- 
drucke bringen, wie namentlich das grossartige Bild der Himmelfahrt 
Mariä in der Akademie von Venedig. Wie bedeutsam aber Tizian 
von solcher AuHassungsweise aus zugleich die tiefste Erschütterung des 
Seelenlebens zum Ausdrucke zu bringen vermochte, bezeugt vornehmlich 
seine Grablegung Christi, im Museum von Paris, eine alte Kopie in 
der Galerie Manfrin zu Venedig. Ausserdem sind als dramatische Oompo- 
sitionen mehrere grosse Altarblätter zu nennen: der Tod des h. Petrus 
Martyr in S. Giovanni e Paolo, die Marter des h. Laurentius in der 
Jesuitenkirche zu Venedig (dieses Bild sehr verdorben), und die grosse 
Dornenkrönung, von mächtigem Ausdruck, aber etwas gewaltsamer Auf- 
fassung, ehemals in S. Maria delle grazie zu Mailand, jetzt im Louvre. 
 Endlich brachte es die Richtung der venezianischen Kunst mit sich, 
dass sie für Bildnissdarstellungen vorzüglich geeignet sein musste. Tizian 
ist auch in solchen höchst ausgezeichnet; mit dem lebenvollcn Natursinne, 
der ihm eigen ist, mit seinem zauberisch wirkenden Golorit verbindet er 
auch in diesen Werken eine eigenthümlich grosse Auffassung, die wie- 
derum den der Antike verwandten Geist verräth und die dem unmittel- 
baren Spiegelbilde des Lebens wiederum den Anschein eines erhöhten 
Daseins zu geben weiss. Werke solcher Art findet man in allen bedeu- 
tenden Sammlungen. Eigenthümlich interessant ist u. a, das Bildniss 
seiner Tochter Lavinia, das mehrfach vorhanden ist (das schönste Exem- 
plar im Berliner Museum); sie hebt eine Silberne Schüssel mit Früch- 
ten (oder andern Gegenständen) empor: in einem Exemplar, das sich im 
Museum von Madrid befindet, ist sie zur Tochter der Herodias gewor- 
den, indem auf jener Schüssel das Leichenhaupt des Täufers liegt.  Noch 
ist zu bemerken, dass in manchen der Tizianischen Gemälde auch die 
Landschaft bedeutsam hervortritt; dieser Theil der bildlichen Darstellung 
zeigt sich bei ihm nicht minder in einergrossartig poetischen Durchbil-
        

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