Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1696391
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Die ital. bild. Kunst in d. ersten Hälfte d. 16. J ahrh. 
B. Malerei. 
Auge die Gestalten des Lebens erblickt. Diese Ausbildung des Colorits 
macht denjenigen unter den technischen Vorzügen der venetianischen Schule 
aus, der am entschiedensten ins Auge fällt. Wie aber die Meister dieser 
Schule bei solcher Auffassung unmittelbar an das Leben der Gegenwart 
gebunden waren, so konnten sie sich auch nicht gegen die tieferen Inter- 
essen desselben verschliessen, so fehlt es bei ihnen gleichwohl nicht an 
Momenten, in denen die innere Seelenstimmung anschaulich, zum Theil 
höchst ergreifend, dargestellt ist. 
Giorgio Barbarelli von Castelfranco, gen. Giorgione (um- 
1477-1511) ist derjenige unter den Meistern der venetianischen Schule, 
der diese neue Richtung der Kunst eröffnet und von der Gebundenheit 
der bisherigen Malweise zu grossartiger Freiheit der Auffassung und zu 
einer breiten, kühnen malerischen Behandlung übergeht. Er war Schüler 
des Giovanni Bellini, und erscheint in seinen früheren Bildern noch als 
ein entschiedener Nachfolger seines Meisters. In seinen späteren Bildern 
entwickelte er sich zu einer eigenthümlich glühenden, etwas herben Kraft, 
welche den hohen venetianischen Lebenssinn noch wie eine nicht völlig 
erschlossene Blume in sich zurückgehalten trägt. In solcher Art hat man 
von seiner, Hand einzelne trefflliche Madonnen und einige seltene Altar- 
bilder. Unter diesen steht obenan das Altarbild in der Pfarrkirche 
seines Geburtsortes Oastelfranco, das einzige, auch urkundlich beglau- 
bigte, vollkommen sichere Werk des Meisters, in jungen Jahren von 
ihm ausgeführt; eine thronende Madonna mit den Heiligen Liberale und 
Franciscus, ein feierlich aufgebautes Bild von wunderbar freier maleri- 
scher Behandlung. Weitaus das grösste und bedeutendste der uns von 
diesem Meister erhaltenen Werke ist ein herrliches tigurenreiches Bild, 
das Urtheil des Salomo, welches sich zu Kingston Lacy bei Wimborne 
befindet. Es ist in der Anordnung vom schönsten Rhythmus, durchdacht 
und originell in der Composition, die Farbe von grosser Pracht, die Ge- 
stalten, besonders die weiblichen, charaktervoll und reizend. Der Um- 
stand, dass das Gemälde unvollendet geblieben, gewährt obendrein für das 
Verfahren des Meisters und zugleich der ganzen venezianischen Schule be- 
merkenswerthe Aufschlüsse. 1 Trotz mancherlei erlittener Unbill ist sodann 
von ergreifender Gewalt und ungewölmlicher tiefbedeutsamer Anordnung der 
Leichnam Christi, am Rande des Grabes von Engeln unterstützt, im 
Monte di Pieta zu Treviso. Ein ebenfalls arg misshandeltes Jugend- 
werk des Meisters scheint auch das aus der Sammlung Woodburn in die 
Nat-Gal. zu London übergegangene grosse Altarbild einer thronenden 
lila-dünne, vor welcher sich ein Ritter auf die Knie niedergeworfen hat. 
Endlich darf eine kleine Anbetung der Hirten, ehemals in der Galerie 
F 95011, jetzt in England, als ein Meisterwerk Giorgionds bezeichnet 
 
1 Waage", der das Bild in seinen Treasures Suppl. p. 380 ff- beßßhreibt, hält 
es Wegen des unvollendeten Zustandes für des letzte des Meisters; mir aber schei- 
nen die noch streng symmetrische Anordnung, die Belliniisehe Festigkeit und Be- 
stimmtheit der Zeichnung, die sorgfältige Vollendung einzelner Theile, das Ju- 
gendliche der ganzen Auffassung, endlich die Uebereinstimmung des Typus der 
Köpfe mit dem auf dem Altarbilde zu Castelfrancü ganz entschieden auf die 
frühe Zeit des lWIeisters zu deuten.  O, M,
        

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