Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1696300
Nachfolger. 
Rafael Santi und seine 
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die neue und wiederum gesteigerte Entwickelung Rafaels ist zunächst 
der Umstand hervorzuheben, dass seine Berufung nach Rom gerade mit; 
dem Momente zusammentraf, in welchem er die volle künstlerische Frei- 
heit errungen hatte. Es darf nicht geläugnet werden, dass sich in den 
letzten Bildern, die er in Florenz gemalt hat, der Realismus der iioren- 
tinischen Kunst mit einer gewissen Einseitigkeit bemerklich macht, die, 
wenn die schöpferische Kraft des Künstlers ohne einen neuen und be- 
deutsameren Inhalt sich selbst überlassen geblieben wäre, leicht hätte 
auf Abwege führen können; und nicht minder hätten jene umfassenden 
Aufgaben, die ihm in Rom entgegentreten, wären sie ihm eine geraume 
Frist vor jenem Zeitpunkte zu Theil geworden, die freie Entwickelung 
des Talentes leicht unterdrücken können. So aber trugen die Aufgaben, 
deren Lösung nunmehr von ihm gefordert ward und die zu lösen er alle 
Mittel besass, wesentlich dazu bei, ihn auf einen erhöhten und grossarti- 
geren Standpunkt zu führen, von dem aus sich ihm ein tieferer Einblick 
in das Wesen der Dinge, ein volleres Bewusstsein, eine erhabenere Weise 
der Gestaltung erschliessen musste. Daneben waren auch die Nähe 
Miehelangelds, der gleichzeitig (für den Anfang zwar ohne alle Mitthei- 
lung) seine Deckengemälde in der sixtinischen Kapelle begann, und der 
nothwendige Wettstreit mit diesem nicht ohne Einiiuss auf Rafaels ge- 
steigerte Entwickelung, sowie die unmittelbare Nähe des klassischen 
Alterthums, das ihn in Rom begrüsste, ebenfalls nicht ohne Einwirkung 
bleiben konnte.  Uebrigens sind die einzelnen Werke, welche Rafael 
in Rom ausgeführt, wiederum als ebenso viel Stadien seines Entwicke- 
lungsganges zu betrachten. Die früheren tragen zumeist ein überaus 
zartes und mildes Gepräge; im Gegensatz gegen die letzten Arbeiten 
seiner iiorentinischen Periode scheint er hier gewissermaassen auf das 
Streben seiner früheren Jugend zurückzugeben, ohne dass jedoch von 
dessen Einseitigkeit (d. h. von den besondern Typen der umbrischen 
Schule) eine Erinnerung sichtbar würde. Die folgenden Arbeiten gestal- 
ten sich sodann, in steigendem Maasse, grossartiger und kühner, mehr 
der Richtung der klassischen Kunst vergleichbar; wenn wir in diesen die 
anziehende Zartheit der ebengenannten vermissen, so werden wir dafür 
durch den erhabenen und sicheren Reichthum des Geistes, der ihnen sein 
Gepräge aufgedrückt hat, entschädigt. Diesen Momenten der Entwicke- 
lung entsprechen zugleich die äusseren Verhältnisse, unter denen Rafael 
arbeitete. Von Papst Julius 11., einem Manne von gewaltiger Energie 
und Consequenz des Charakters, nach Rom berufen, wurde cr von diesem, 
so lang derselbe lebte (bis 1513), streng an der Durchführung der zuerst 
begonnenen Arbeit (der Stanzen) festgehalten; während er naehmals durch 
Papst Leo X. mannigfach verschiedene Aufträge erhielt, und sich den 
letztern auch von andern Seiten neue und vielfach abweichende Aufträge 
Zugesellten- 504131111 Sieht man Rafael in den Werken, die der früheren 
Zeit seiner römischen Epoche angehören, zumeist noch durchweg eigen- 
händig thätig, während er später den Schülern, die er sich heranbildete, 
einen grösseren oder geringeren Theil der Ausführung überlassen musste. 
Bei den früheren Werken bewundern wir somit im enger geschlossenen 
Kreise mehr die Originalität der Durchbildung bis in die feineren Ein-
        

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