Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1696267
Rafael Santi und seine Nachfolger. 
357 
Rafael Santi und seine 
Nachfolger. 1 
Rafael Santi von Urbinoz (geb. am Charfreitag 28. März 1483, 
gest. am Charfreitag 6. April 1520), der Sohn des Giovanni Santi, empfing 
seine erste Bildung in der umbrischen Schule, in welcher eine tief ge- 
müthliche Auffassung, eine zarte Gestaltung der Formen, eine liebevoll 
durchgeführte Behandlung als dasjenige galten, was der Künstlervor- 
zugsweise zu erstreben habe. Er hatte sich dieser Richtung mit aller In- 
nigkeit eines jugendlichen Gemüthes hingegeben; als aber der Geist, der 
in ihm wohnte, seine Schwingen mächtiger zu regen begann, trat ihm 
auch das äussere Leben der Welt in seiner Frische und heitern Kraft 
entgegen, und rüstigen Sinnes wandte er sich nunmehr dem zu, was in 
andern Richtungen (namentlich in der schule von Florenz) die grossen 
Meister der Kunst vorgearbeitet hatten, was an künstlerischer Vollendung 
die Denkmäler des klassischen Alterthums darboten. Doch auch in sol- 
chem Streben blieb er nicht mit Einseitigkeit befangen; zu noch höherer 
Kraft entwickelt, von den glücklichsten Verhältnissen emporgetragen, 
gelangte er dahin, die beiden Richtungen seiner früheren und seiner spä- 
teren Jugend zu einer in sich einigen zu verschmelzen und die göttliche 
Schönheit, die seiner inneren Anschauung vorgeschwebt hatte, dem Auge 
der Menschen zu offenbaren. Die Schönheit der Form als Ausdruck eines 
lauteren Zustandes der Seele, das harmonische Gleichmaass der inneren 
und äusseren Existenz, die hohe und ungetrübte Ruhe des Gemüthes, 
die aus solchem Verhältniss hervorgeht, bildet den eigentlichen Grund- 
zug in Rafaels Kunst; seine Werke tragen das Gepräge der gediegensten 
Vollendung des Styles; sie stehen in ihrer Form der Antike zur Seite, 
aber sie sind zugleich von _dem milden Geist des Ohristenthums beseelt, 
und umgekehrt zeigen sie", das tiefsinnige Streben des letzteren zur 
klarsten, klassischen Ruhe umgestaltet. -S0lch ein Ziel zu erreichen war 
aber nur der höchsten moralischen Kraft möglich; und diese Kraft brachte 
es zugleich mit sich, dass wir bei Rafael nur im seltensten Falle eine 
Neigung zu manieristischer, (auf die äussere Schau berechneter) Behand- 
lungsweise finden, während dergleichen bei den übrigen Meistern, und 
gerade bei denen, die auf der Höhe der, Meisterschaft stehen, nicht so 
gänzlich selten eintritt. Auch ist sie der Grund,__dass seine Werke nim- 
mer ein Verweilen auf der einmal gewonnenen-Stufe der Kunst, sondern 
einen steten Fortschritt erkennen lassen. Die neuere Forschung hat 
demnach die Zeit, in der die einzelnen seiner Arbeiten gefertigt sind, 
mit zuverslchtlicher Genauigkeit, zum Theil bis auf Monate, bestimmen 
können; wir sind dadurch in den Stand gesetzt, den Gang seiner Ent- 
wickelung in allen, auch den feinsten Abstufungen zu verfügen) und es 
dürften hiebei wenigstens nur sehr vereinzelte Streitfragen noch zur 
Sprache kommen.  Bei diesen Umständen wird es nicht überflüssig 
 
1 Denkm. der Kunst, 
V09 Urbino, etc.  Sehr 
Pelntres les plus cäläbres. 
T. 78._ 79.   Hauptwerk: J. D. Passavant, Rafael 
Zühlfelßhe Umnsse bei Landon, Vies et oeuvres des 
 Vgl. F. Kugler, kleine Schriften, II, S. 513. 523.
        

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