Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1696230
354 
III. 
K. Die ital. bild. Kunst in d. ersten Hälfte d. 16. 
Jahrh. 
Malerei. 
Als das frühste der hier zu betrachtenden Werke Michelangclds, 
von dem wir Kunde haben, ist ein Carton mit der Darstellung einer Be- 
gebenheit aus der Horentinischen Geschichte zu nennen, den er im Wett- 
kampfe mit jenem Carton des Leonardo da Vinci, dem Reitergefecht, ge- 
fertigt hatte (um 1504). Michelangelo stellte eine Schaar badender Soldaten 
dar, die so eben zum Kampfe gerufen werden; er entwickelte darin (ob- 
schon die Wahl der Scene wiederum sehr deutlich auf die realistischen 
Interessen der damaligen liorentinischen Kunst hinweist) eine so grosse 
Meisterschaft, dass man ihm noch grössern Ruhm spendete als dem Leo- 
nardo. Doch auch dieser Carton ist verloren; wir kennen den wichtig- 
sten Theil desselben nur aus einer viel späteren, grau in grau gemalten 
Copie, die sich im Schlosse Holkham in England befindet, sowie ein-- 
zelne Stücke aus ein paar alten Kupferstichen. 
Es ist bereits bemerkt, dass Michelangelo hierauf nach Rom be- 
rufen ward, das Grabmal Julius II. zu arbeiten, dass dies Werk aber 
unterbrochen ward, namentlich durch die grosse Malerei, die er auf Be-- 
fehl des Papstes an der Decke der sixtinischen Kapelle ausführen musste. 
Die letztere, eine Arbeit von höchst bedeutendem Umfange, begonnen 
1508 und innerhalb weniger Jahre von ihm ganz eigenhändig ausgeführt, 
bildet das Erhabenste und Gediegenste unter Allem, was Michelangelo 
in den verschiedenen Fächern der Kunst geleistet hat. An dem mittleren 
{lachen Theil der Decke stellte er in einer Reihe von Bildern die bedeu- 
tendsten Geschichten der Genesis dar; in den grossen Dreieckfeldern des 
gewölbten Randes die sitzenden Gestalten von Propheten und Sibyllen, 
als Vorherverkünder der Erlösung; in den Stichkappen und den darunter 
befindlichen Bögen über den Fenstern die Vorfahren der h. Jungfrau 
(deren Kreis ebenfalls auf die Zukunft des Erlösers hindeutet); in den 
Gewölbkappen der vier Ecken Momente der Rettung des Volkes Israel 
(wiederum als Vordeutungen der Erlösung). Der äussere Zusammenhang 
dieser Darstellungen wird durch ein (gleichfalls gemaltes) architektonisches 
Gerüst von eigenthümlicher Composition vermittelt, welches die einzelnen 
Gegenstände umschliesst, die Hauptmassen bedeutsam hervorhebt und 
dem Ganzen den Anschein von Festigkeit und freier Haltbarkeit giebt; 
zu diesem Gerüst gehört eine grosse Anzahl mehr dekorativer Figuren, 
welche die architektonischen Formen stützen, tragen und beschliessen 
und die man als die lebendig verkörperten Geister der Architektur be- 
zeichnen darf. Hier hatte Michelangelo eine Reihenfolge von Gegenstän- 
den gefunden, deren Bedeutung seiner eigenthümlichen Richtung vollstän- 
dig angemessen war. Das Urweltliche in den Geschichten der Genesis 
ist nirgend glücklicher ausgedrückt als in diesen Bildern, und es steigert 
sich in den Gestalten des ersten Menschenpaars bis zur erhabensten 
Schönheit; ebenso in den Gestalten der Propheten und Sibyllen, bei denen 
es darauf ankam: diejenige Kraft des Geistes zu vergegenwärtigen, welche 
in Mitte einer verdorbenen Welt die zuversichtliche Hoffnung aufrecht 
zu halten vermag; in den Familiengruppen der heiligen Vorfahren dage- 
gen entwickelt sich Michelangelds Streben mehrfach zu einer Milde und 
Zartheit, die, im Gegensatz gegen seine sonstige übergewaltige Kraft, 
fast rührend auf das Gemüth des Beschauers wirkt.  Beträchtlich später
        

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