Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692755
Die Kunst des gothischen Styles. 
sich die architektonischen Gliederungen an den entsprechenden Stellen in 
einer Weise, dass sie, in Consolen, Nischen, Gittern, Tabcrnakeln u. s. w, 
eine Vorbereitung für den Eintritt der bildnerisehen Formen bekunden; 
bei dem innerlichen Zusammenhange des Systems wirkt diese Bezugnahme 
auf die bildnerische Form und deren Gesetz in der That. auf die formale 
Behandlung des architektonischen Ganzen zurück. In demselben Maasse 
ist umgekehrt die bildnerische Gestaltung von der Architektur, von dem 
Zuge der in ihr sich ausdrückenden Bewegung bedingt. Durchweg steht 
das Bildwerk im nächsten Anschlüsse an den architektonischen Organis- 
mus, aus seinen Formen unmittelbar hervortretend, von feinen Linien 
eng umgeben; es schliesst sich bereitwillig diesem Organismus an; es 
spiegelt den bewegten Drang, das aufwärts strebende Leben seines for- 
malen Systems wieder. Ein langgezogener Fluss der Linien, durch die 
Geberde der Gestalten motivirt, in ihren weiten Gewandungen mehr oder 
weniger kunstvoll durchgeführt, giebt ihrer Erscheinung dieselbe typisch 
charakteristische Eigenthümlichkeit. Ein andres Moment für die Totalität 
der künstlerischen Wirkung, wenigstens des baulichen Innern, beruht in 
der durchgebildet polychromatischen Ausstattung der Sculptur und des 
feineren architektonischen Details und in der hiedurch gewonnenen Ver- 
mittelung.zu der Farbenglut der Fenster. Das Maass dieses polyehro- 
matischen Verhältnisses ist jedoch, wie es scheint, sehr verschieden; 1 in 
einzelnen Fällen zeigt sich eine Ueberfülle farbiger Ausstattung, durch 
welche die künstlerische Gesammtentwickclung allerdings (rmpüntllich be- 
einträchtigt wird. 
Es fehlt, was die allgemeine Fassung der bildnerischen Gestalt 
betrifft, nicht an Uebergängen aus der antikisirend spätromanischen Be- 
handlungsweise in jene abweichenden Typen, welche das neue architek- 
tonische Stylgesetz vorschreibt. Gleichzeitig aber machen sich die letz- 
teren auch in aller Strenge geltend, den bildnerisehen Sinn abermals auf 
ein primitives Beginnen zurückführend. Ihre Behandlung, ihre künst- 
lerische Entwickelung empfangen diese Typen wiederum aus der allge- 
meinen geistigen Strömung der Zeit. Der Grundzug einer schwärmeri- 
sehen Gefuhlsrichtung bedingt die Lebenssphäre dieser Gestalten, die 
Geberde, in welcher sich ihre Willensfähigkeit, den Ausdruck der Köpfe, 
in welchem sich ihr geistiges Vermögen ausspricht. Die typische Gebun- 
denheit löst sich in eine zumeist weich geschmolzene Bewegung, von 
schlichterer Erscheinung oder von der eines übertriebenen Affektes, gern 
eine zierliche Wirkung erstrebend, in glücklichen Fällen zu Adel und 
hoher Anmuth ausgeprägt. Aber die Allgemeinheit der geistigen Stim- 
mung bleibt ebenso überwiegend wie das Wechselverhältniss zu den for- 
malen Bedingnissen der Architektur.  Die räumliche Ausbreitung der 
bildnerischen Ausstattung, wie solche durch die Entwickelung des gothi- 
sehen Bausystems vorgeschrieben war, giebt neuen Anlass zur Aufstellung 
"l Die häufig unvollendet gebliebene Einrichtmw, die fast überall vor ekom 
"menen späteren Veränderungen, durch Uebertünchuäg u. dergl. die geringe Zahl 
genauer Untersuchungen des ursprünglichen Zustandes verstatten lüber dieser; Punkt 
noch kein zureiohendes Urtheil.
        

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