Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1695440
Allgemeine Bemerkungen. 
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bedeutender Kraftanstrengung, dahin strebte, für die neuerwachte Sinnes- 
richtung die entsprechende Form zu ünden, d. h. überhaupt die körper- 
liche Form  und mit ihr zunächst alle diejenigen Interessen, die sich 
durch die körperliche Existenz und durch körperliches Handeln bethätigen 
 durchzubilden. Es hat somit diese Periode einen vorherrschend rea- 
listischen Charakter. Gleichwohl erscheint derselbe, einzelne Ausnahmen 
abgerechnet, nicht einseitig vorherrschend. Schon die Emsigkeit und 
Sorgfalt des künstlerischen Strebens, das in solcher Richtung auf die 
möglichste Vollendung hinausging, das also eine liebevolle Thcilnahme 
von Seiten des schaffenden Künstlers voraussetzte, musste auch auf das 
Werk selbst übergehen und demselben ein mehr oder weniger sinniges 
Gepräge geben. Dann war, ob auch der architektonische Sinn bereits 
beträchtlich abgeschwächt erscheint, doch von demselben noch immer 
soviel erhalten, dass man dabei zugleich eine stylgcmässe Behandlung 
erstrebte, welche ebenfalls das Kunstwerk mehr oder weniger über die 
Sphäre gewöhnlicher Naturnachahmung erhob; im Verlauf des 15. Jahr- 
hunderts zeigt sich diese Stylistik oft sogar noch in ziemlich herber 
Weise. Endlich war es natürlich, dass der Realismus der Zeit in einzel- 
nen Erscheinungen auch eine gewisse Opposition hervorrufen musste; und 
wie wir z. B. in Florenz, während diese Richtung mit Entschiedenheit 
eintrat, den Fra Giovanni da Fiesole ebenso entschieden an der älteren, 
mehr spiritualistischen Richtung festhalten sehen, "so entwickelt sich auch 
im weiteren Verlaufe des Jahrhunderts aus der allgemein vorherrschen- 
den Sinnesweise mehrfach das Streben nach dem Ausdruck eines zarteren, 
innerlichen Gemiithslebens. 
Der italienischen Kunst dieser Zeit ist im Allgemeinen eine gewisse 
Grossheit des Sinnes eigen, welche als ein angebornes Gut des italieni- 
schen Volksgeistes schon in den früheren Epochen die Werke der italie- 
nischen Kunst auszeichnet und jetzt dem Studium der Antike eine beson- 
dere Nahrung verdankt. Dies Studium trägt, wie bereits angedeutet, 
Wesentlich dazu bei, jene Neigung zu einer stylgemässen Durchbildung 
der Form wiederum tiefer zu begründen. Die Unterschiede, welche sich 
hierin vorfinden, sind zunächst durch die verschiedenen Schulen und 
durch die einzelnen Meiste;- bedingt, in denen sich die Thätigkeit der in 
Rede stehenden Periode vorzugsweise concentrirt. Diese Schulen dürften 
vornehmlich, nach den Landes-Unterschieden, als die mittelitalienischen, 
die oberitalienischen und "die der südlicheren Gegend zu unterscheiden 
sein. Die mittelitalienischen zerfallen in die toskanische (oder eigentlich 
florentinische) lmd in die umbrische Schule; jene vertritt ziemlich ent- 
schieden die realistische Richtung der Zeit, in dieser (die übrigens nur 
dem Fache der Malerei angehört) entwickelt sich die mehr innerliche 
AuffassungsWelse. In Oberitalien bilden sich, durch eigenthümliches 
Gegeneinanderwirken beider Richtungen, wiederum charakteristisch be- 
deutsame Schulen aus. In Süd-Italien ist vornehmlich die Schule von 
Neapel wichtig, die manches Verwandte mit den zarteren Richtungen voll 
Oberitalien hat.  In andrer Beziehung unterscheidet sich die Entwicke- 
lung der italienischen Kunst nach den beiden Hauptfächern der Sculptur 
und der Malerei. In der Sculptur fallen die eben angedeuteten Richtun-
        

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