Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692717
Die Kunst 
Styles. 
des gothischen 
Werken kirchlicher Feier zugleich die eigene Wacht verherrlichend. Aus 
seinem Schoose gingen die Arbeiter hervor, die in emsigem handwerk- 
lichem Betriebe den vielgegliederten monumentalen Unternehmungen, 
welche die neue Zeit verlangte, den festen Körper gaben. Grosse zünf- 
tige Oorporationen, die Bauhütten, sorgten für die Stetigkeit des Betrie- 
bes, für die regelrechte Ausübung. 
Die verschiedenen Gattungen der Kunst vereinigen sich in der gothi- 
sehen Epoche auf das Innigste zur gemeinsamen Wirkung, in ihrer Be- 
handlung von einander-abhängig, den jeweiligen Grad ihrer Vollendung 
in dieser ihrer Vereinigung iindend.  
Die Architektur erscheint durchweg von einem innerlich treibenden 
Leben erfüllt; sie theilt dies Leben dem Raume mit, den sie umgiebt, 
in bewegter Gliederung aufwärts drängend, die Starrheit der Masse den 
Blicken des Beschauers entziehend. Es ist etwas geheimnissvoll Schwe- 
bendes in dieser Gestaltung des architektonischen Innern, das sich in 
"seinem Höhendrange, in der scheinbaren Abwesenheit der festen Gegen- 
gewichte, gern zu einer wunderähnlichen Wirkung steigert. Die Wände 
gehen zu mehr und mehr geweiteten Fensterößnungen auseinander, deren 
Sprossenwerk mit durchleuchteten Bildern, Werken der Glasmalerei, aus- 
gesetzt ist; was an ungegliederter WVandfläche übrig bleibt, bietet sich 
ähnlicher Belebung durch gemaltes oder sculptirtes Bildwerk dar. Die 
Decke wölbt sich in luftig geschwungenen Rippen; die Füllstücke zwischen 
diesen (die Gewölbkappen) sind gern mit leichter Dekoration versehen, 
häufig Sternen auf blauem Grunde, ebenfalls allem Lastgefüge fremd. 
Dem aufstrebenden Element entspricht die (lurchgängig angewandte Linie 
des Spitzbdlgens, die flüssige Bildung der baulichen Einzeltheile. Die 
festen Massen, welche diesem schwebenden Innenbair den sichern Halt 
geben, liegen im Aeussern des Gebäudes, dem constructiven Verhältniss 
gemäss auf einzelne Punkte vertheilt, als aufragende Strebepfeiler, von 
denen sich, wo über niedern Seitenräumen ein höherer Mittelraum empor- 
steigt, stützende Bögen dem letzteren entgegenspannen, in reichlicher 
Wiederholung des Systems, wo "bei einer grösseren Zahl der Innenräume 
eine vermehrte oder gesteigerte Abstufung der Höhen eintritt. Die Stirn- 
seiten des Baues werden, in mehr oder weniger reicher Anordnung, durch 
Thürme gefestigt und abgeschlossen; an der Faeade bildet sich der Thurm- 
bau in vorzüglich machtvoller Weise aus. Das System vorspringender 
Strebepfeiler wird, wie bei dem Körper des Gebäudes, so auch bei dem 
Thurme zur Anwendung gebracht; es ist von wesentlicher Einwirkung 
auf eine leichtere Aufgipfelung seiner Theile. So entschieden sich in den 
Strebepfeilern die festen Massentheile des Baues darstellen, so werden 
doch auch sie von der lebendig aufstrebenden Bewegung, die in dem In- 
nern waltet, ergriifen; sie stufen sich geschossweise ab, sie empfangen 
tabernakelartige Krönungen über den einzelnen Stufen, sie gewinnen hie- 
mit den Anschein eines Ueberschusses an Kraft, der in jedem Theile, den 
Fuss des folgenden umkleidend, selbständig emporsteigt und den obersten 
Gipfel mit einem frei aufragenden Thürmchen, der sogenannten vlfialeft 
krönt. Bei dem Thurmbau, der gewissermaassen nur aus Strebemassen 
zusammengesetzt ist, entfaltet sich diese Behandlungsweise zur reichsten
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.