Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz Lübke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1692175
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1695052
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Die mod. 
Arch. 
des 
gegen das Ende 
bis 
J ahrh. 
alle diejenigen Vorzüge, welche mit einer solchen Richtung irgend ver- 
einbar sind, und der Entartung des spätgothischen Baustyles gegenüber 
einen bedeutenden Fortschritt ausmachen. Und selbst neben dem rein- 
gothischen Styl mit all seiner Hoheit und Fülle spricht doch auch Man- 
ches zu Gunsten der modernen Architektur. Verkennen wir nicht, dass 
jener bei einer vollkommen consequenten Durchführung ein System stre- 
bender Kräfte aufstellt, welches schon nicht mehr bloss ein geniessendes 
Auge, sondern, gleich einer kunstreich gearbeiteten Fuge, einen nach- 
rechnenden Verstand erfordert;  dass z. B. das Streben- und Fialen- 
werk am Aeussern eines Langschiifes und vollends eines Chores mit 
Kapellenkranz nur als dekorative Masse unmittelbar, als organisches 
Ganzes aber erst mittelbar wirkt. Dieser Gliederungsweise stellt die 
neuere Architektur, wenigstens die italienische um 1500, eine andere 
gegenüber, welche beim ersten Anblick den Beschauer mit harmonischer 
Ruhe erfüllt. War der gothische Styl ganz in seinem Zwecke aufgegan- 
gen, den Sieg über die Horizontale, über die getragene Last bis in die 
äussersten Oonsequenzen zu verfolgen, so ist hier von constructivem Or- 
ganismus nur soviel gegeben als das Auge verlangt; hatte der gothische 
Styl im höchsten Sinne den Rhythmus der Bewegung ausgebildet, welcher 
den Blick rastlos emporzieht bis zum Schlussstein der Gewölbe, zur 
Kreuzblume der Giebel, so ist hier ein Rhythmus der Massen durch- 
geführt, eine neue Schönheit der Verhältnisse, welche der gothische Styl 
schon um seines Princips willen nicht in dieser Weise gekannt hatte. 
Und dieser Vorzug konnte nur sehr geringen Theiles aus dem Studium 
der antiken Bautrümmer hervorgehen; vielmehr ist er eine der Aeusse- 
rungen jenes hohen Sinnes für Maass und Schönheit, welcher jene Epoche 
der italienischen Kunst durchdrang. Man mag diese Richtung der Bau- 
kunst eine malerische nennen, insofern sie von der Construction nur 
das Gerüst entlehnt, dasselbe aber mit Formen und Verhältnissen belebt, 
welche, um uns so auszudrücken, dem Gebiete der Schaubarkeit angehören 
und eine Geltung für sich haben, während die Einzeltheile eines gothi- 
schen Gebäudes streng genommen ohne das Ganze nicht verständlich 
sind. In der Folgezeit, als Barockformen aller Art die moderne Kunst 
getrübt hatten, wirken noch sehr oft die harmonischen Verhältnisse mit 
geheimnissvollem Reiz auf das Auge, ja jene F0rmen selbst beleidigen 
beim unmittelbaren Anblick ungleich weniger als z. B. im geometrischen 
Aufriss, weil sie den Verhältnissen unterthan und je nach Umständen 
sogar der Ausdruck eines mächtigen individuellen Gedankens sind. End- 
lieh hat dieser Styl vor dem gothischen eine unbestreitbare Vielseitigkeit 
voraus, wie dies die Lebensformen einer neuen Zeit verhng-ten; heilige 
und weltliche Gebäude, Faeaden und Binnenräume erhalten die jedesmal 
passende Ausbildung, nur dass diese allerdings nicht mehr der Ausdruck 
einer organisch entfalteten Bewegung, Sondern nur eine mehr oder weniger 
geistreich erdachte, mehr oder weniger harmonisch gestaltete Dekoration 
ist, welche die architektonische Masse bedeckt 
Der allgemeine Entwickelungsgang der modernen Kunst, wie derselbe 
im Obigen bezeichnet ist, lässt sich auch in der Architektur verfolgen; 
doch bringt es die eben bezeichnete Richtung der letzteren mit sich, dass
        

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